Weggefährten III
„Ich war so lange im Dunklen!,
sagte er zu mir. Bis ich „Penny-Lane“
gehört habe. Da ging die Sonne auf!“
Christoph, den ich im Alter von 12
Jahren kennengelernt hatte verehrte
die Beatles. Er besaß einen Kassetten-
Rekorder mit unzähligen Aufnahmen
der britischen Pop-Band. Ich traf ihn
zum ersten mal an den Steintischen
in unmittelbarer Nähe des Kinder-
Spielplatzes auf der Theresienwiese.
Sandkasten, Schaukel, Klettergerüst.
Ein Ort der Erinnerung, dem ich mir
längst entwachsen vorkam.
Dort saß ich oft und schaute den
alten Männern beim Schachspiel zu.
Ein Rückzugsgebiet, wenn meine
Freunde nicht davon abzubringen
waren, dieses Spiel zu spielen das
ich nicht ausstehen konnte – Fußball.
Bei schönem Wetter saßen so gut
wie immer zwei bis drei Rentner mit
ihren Schachbrettern und Figuren in
der Nähe. Aber noch nie hatte sich
ein gleichaltriger, gleichgesinnter
hierher verirrt und zu uns gesellt.
Und von Stund an entdeckten er und
ich eine Menge gleicher Interessen
über das Schachspiel hinaus.
Christoph hatte ein meist freundlich
grinsendes, breitflächiges Gesicht
mit einer verblüffend kleinen Nase
und einer Unmenge an Sommer-
sprossen. Für sein Alter eher klein
und schmächtig war er aber ziemlich
schlau. Seine Figur irgendwie
unproportioniert. So als hätte er
einen gewaltigen Wachstumsschub,
der dann alles wieder ins Lot rücken
würde, unmittelbar vor sich. Er
wohnte hier im Viertel, war bereits
dreizehn und unterschied sich in
einigen Punkten von den bisher
gekannten Freunden.
*Er hatte eine Katze als Haustier.
(Ich kannte bisher nur Vögel, Hamster,
Meerschweinchen oder Hunde)
*Er war ehrgeizig und hatte ein festes
Ziel vor Augen. Er wollte Jura
studieren und Rechtsanwalt werden.
(Er ließ sich nicht so wie wir anderen von
einer Klasse in die nächste schubsen)
*Er beneidete mich um meinen
Musikunterricht und den
Kampfsport. (Ganz anders als Philipp)
*Er interessierte sich für Politik.
(Wie bitte? Das ist doch nur was für
Erwachsene)
*Er interessierte sich für Musik,
und zwar nicht nur für die Beatles,
auch für die Stones, Manfred Man,
die Monkeys und all die damaligen
Pioniere der Rock-Musik der späten
60-er Jahre.
Er besaß mehrere Radios, deren
Verstärker er mit Geschick in
„Conferenz“ schaltete und damit,
angeschlossen an sein Kassettendeck
in seinem Zimmer einen
„Mords-Sound“ produzierte.
(Das rückte ihn beinahe schon in DJ Nähe)
*Er kaufte sein Outfit selber
(nicht die Mama - wie bei mir) und kannte
die einschlägigen Geschäfte,
Boutiquen und deren Besitzer.
Er war Anhänger der Mods dieser
britischen Subkultur der 60-er Jahre, die
hauptsächlich aus der unteren Mittelschicht
(lower middle class) gebildet wurde. Man
versuchte, die eigene Herkunft unwichtig
werden zu lassen und durch Auftreten
und Kleidung Jugend, Erfolg (und sozialen
Aufstieg) und anspruchsvollen Stil
miteinander verbindend darzustellen.
Randale und groß angelegte Prügeleien
vor allem mit den sogenannten Rockern
waren die Freizeitbeschäftigungen der
Jugendlichen, die tagsüber ihrer
normalen Arbeit in der konservativen
englischen Gesellschaft nachgingen.
Für mich, der ich davon noch nie
gehört hatte, faszinierende Neuheiten
Für ihn – genau sein Ding.
Wenngleich es mit den Prügeleien
nicht so recht klappte. Ich erinnere
mich an mindestens zwei Gelegen-
heiten bei denen wir von weniger
inspirierten Jugendlichen bei
Streitigkeiten wegen Mädchen
ordentlich Dresche bezogen hatten.
Christoph war für einen 13-
jährigen schon sehr selbstständig.
Musste er wahrscheinlich auch sein.
Er lebte mit seiner Mutter und dem
kleineren Halbbruder in der Wohnung
seines Stiefvaters. Dieser Stiefvater
war schon seit Längerem chronisch
krank und die Familie musste daher
mit sehr wenig Geld auskommen.
Die Miete zahlte das Sozialamt und
der Vater bekam auch eine karge
Rente, aber den Rest der Lebens-
haltungskosten musste die Mutter
dazu verdienen.
Für Christoph war jedes Besitztum
kostbar, egal ob es sein Fahrrad war,
oder ein Kleidungsstück. Er achtete
darauf – ganz anders als ich das
bisher von meinen Altersgenossen
und Spielkameraden kannte.
Insbesondere seine Musikgeräte und
Kassetten hütete er wie seinen
Augapfel.
Aus seiner persönlichen Situation
und dem familiären Status heraus
hatte er sich auch schon mit
sozialen Themen und Politik
beschäftigt. Er konnte mir damals
schon einigermaßen nahebringen
wie unser Wahlrecht funktioniert,
er versuchte mir etwas über soziale
Marktwirtschaft zu erklären oder
den Unterschied zwischen
Sozialisten und Kommunisten
zwischen Kapitalismus und sozialer
Marktwirtschaft benennen.
Besonders vertieft haben sich diese
Inhalte bei Diskussionen mit (und bei)
seinem Nachbarn, einem etwa
23-jährigen Jura-Studenten.
Sein Vorbild den er sehr bewunderte.
Wir unternahmen öfters kleine
Touren mit dem Fahrrad, z.B. an
den Isarauen entlang bis zur
Großhesseloher-Brücke oder in denEnglischen Garten. Wir hörten
gemeinsam die Radio Hitparade
oder Pop nach Acht und kopierten
die Hits die uns gefielen auf Kassette.
Wir verbrachten 3 Wochen der großen
Sommerferien gemeinsam im
Schullandheim in Klagenfurt. Wir
streichelten und ärgerten seine Katze
oder luden uns bei seinem Nachbarn
ein. Wir klapperten seine Boutiquen
ab nach Neuigkeiten und versuchten
bei Mädchen zu landen.
Wir verstanden uns geraume Zeit
ausgesprochen gut - bis seine Familie
in eine neue Sozialwohnung
(Nähe Michaelibad) umziehen musste.
Zu weit weg für einen 14-jährigen!
In der Folge war ich leider nicht in
der Lage meine beruflichen Ziele so
klar zu definieren um auch nur den
Hauch von Christophs schulischem
Ehrgeiz zu generieren. Im Gegenteil,
das Bildungsangebot und die
schulische Routine turnte mich immer
stärker ab. Fächer wie Geographie,
Chemie, oder Französisch aber auch
Sozialkunde und Sport rangierten auf
meiner „wen-intressiert´s-Liste“ ganz
oben.
Ich avancierte zum hingebungsvollen,
fantasiereichen Schulschwänzer.
Manchmal nur die Fächer, die mir
keinen Spaß machten, manchmal
einzelne Tage aber auch mal eine
ganze Woche.
Diese gewonnene Zeit verbrachte ich
meist in der Bibliothek wo es
Bildung nach meiner Wahl gab.
Talentiert wie ich war, fälschte ich
nicht nur die Unterschrift meiner
Mutter, sondern verfasste seitenlange
Entschuldigungen in ihrer
Handschrift. Sie hatte einen sehr
charakteristischen Schreibstil mit
einigen kalligraphischen Hommagen
ans Altdeutsche. Oder ich besorgte
mir Mullbinden und Pflaster ummeine Hand recht professionell
einzubinden. Das half gegen Fächer
wie Deutsch, Englisch und Sport.
Das Herstellen und Schminken
ziemlich echt aussehender Wunden
gehörte ebenfalls zu meinem
Repertoire.
Schriftliche Mitteilungen der Schule
fing ich ab (längst wusste ich wie man
unseren Briefkasten auch ohne Schlüssel
öffnen konnte) und wenn eine der
Lehrkräfte ankündigte, sich bei
meiner Mutter telefonisch
erkundigen zu wollen, schraubte
ich kurzerhand das Telefon auf und
isolierte mit einem Stück Klebeband
die Hörmuschel. Natürlich nur
Nachmittags. Am Abend, wenn meine
Mutter den Papa darum bat, sich doch
mal das Telefon anzusehen, weil es
mehrfach geklingelt hatte, ohne dass
ein Gesprächsteilnehmer zu hören
gewesen wäre, funktionierte wieder
alles tip-top. (In heimtückischer
Weise untermauerte ich dadurch das
verbreitete Klischee –
„Frauen und Technik“!)
Unglaublich lange ging das gut, aber
irgendwann flog ich auf. Aber es war
eh schon zu spät, meine Zensuren
waren kurz vor den Zeugnissen völlig
im Keller. An einen Übertritt war
nicht zu denken, ich musste die
9.Klasse wiederholen.
Dabei begegnete ich meinem
nächsten Weggefährten.
Emil
sagte er zu mir. Bis ich „Penny-Lane“
gehört habe. Da ging die Sonne auf!“
Christoph, den ich im Alter von 12
Jahren kennengelernt hatte verehrte
die Beatles. Er besaß einen Kassetten-
Rekorder mit unzähligen Aufnahmen
der britischen Pop-Band. Ich traf ihn
zum ersten mal an den Steintischen
in unmittelbarer Nähe des Kinder-
Spielplatzes auf der Theresienwiese.
Sandkasten, Schaukel, Klettergerüst.
Ein Ort der Erinnerung, dem ich mir
längst entwachsen vorkam.
Dort saß ich oft und schaute den
alten Männern beim Schachspiel zu.
Ein Rückzugsgebiet, wenn meine
Freunde nicht davon abzubringen
waren, dieses Spiel zu spielen das
ich nicht ausstehen konnte – Fußball.
Bei schönem Wetter saßen so gut
wie immer zwei bis drei Rentner mit
ihren Schachbrettern und Figuren in
der Nähe. Aber noch nie hatte sich
ein gleichaltriger, gleichgesinnter
hierher verirrt und zu uns gesellt.
Und von Stund an entdeckten er und
ich eine Menge gleicher Interessen
über das Schachspiel hinaus.
Christoph hatte ein meist freundlich
grinsendes, breitflächiges Gesicht
mit einer verblüffend kleinen Nase
und einer Unmenge an Sommer-
sprossen. Für sein Alter eher klein
und schmächtig war er aber ziemlich
schlau. Seine Figur irgendwie
unproportioniert. So als hätte er
einen gewaltigen Wachstumsschub,
der dann alles wieder ins Lot rücken
würde, unmittelbar vor sich. Er
wohnte hier im Viertel, war bereits
dreizehn und unterschied sich in
einigen Punkten von den bisher
gekannten Freunden.
*Er hatte eine Katze als Haustier.
(Ich kannte bisher nur Vögel, Hamster,
Meerschweinchen oder Hunde)
*Er war ehrgeizig und hatte ein festes
Ziel vor Augen. Er wollte Jura
studieren und Rechtsanwalt werden.
(Er ließ sich nicht so wie wir anderen von
einer Klasse in die nächste schubsen)
*Er beneidete mich um meinen
Musikunterricht und den
Kampfsport. (Ganz anders als Philipp)
*Er interessierte sich für Politik.
(Wie bitte? Das ist doch nur was für
Erwachsene)
*Er interessierte sich für Musik,
und zwar nicht nur für die Beatles,
auch für die Stones, Manfred Man,
die Monkeys und all die damaligen
Pioniere der Rock-Musik der späten
60-er Jahre.
Er besaß mehrere Radios, deren
Verstärker er mit Geschick in
„Conferenz“ schaltete und damit,
angeschlossen an sein Kassettendeck
in seinem Zimmer einen
„Mords-Sound“ produzierte.
(Das rückte ihn beinahe schon in DJ Nähe)
*Er kaufte sein Outfit selber
(nicht die Mama - wie bei mir) und kannte
die einschlägigen Geschäfte,
Boutiquen und deren Besitzer.
Er war Anhänger der Mods dieser
britischen Subkultur der 60-er Jahre, die
hauptsächlich aus der unteren Mittelschicht
(lower middle class) gebildet wurde. Man
versuchte, die eigene Herkunft unwichtig
werden zu lassen und durch Auftreten
und Kleidung Jugend, Erfolg (und sozialen
Aufstieg) und anspruchsvollen Stil
miteinander verbindend darzustellen.
Randale und groß angelegte Prügeleien
vor allem mit den sogenannten Rockern
waren die Freizeitbeschäftigungen der
Jugendlichen, die tagsüber ihrer
normalen Arbeit in der konservativen
englischen Gesellschaft nachgingen.
Für mich, der ich davon noch nie
gehört hatte, faszinierende Neuheiten
Für ihn – genau sein Ding.
Wenngleich es mit den Prügeleien
nicht so recht klappte. Ich erinnere
mich an mindestens zwei Gelegen-
heiten bei denen wir von weniger
inspirierten Jugendlichen bei
Streitigkeiten wegen Mädchen
ordentlich Dresche bezogen hatten.
Christoph war für einen 13-
jährigen schon sehr selbstständig.
Musste er wahrscheinlich auch sein.
Er lebte mit seiner Mutter und dem
kleineren Halbbruder in der Wohnung
seines Stiefvaters. Dieser Stiefvater
war schon seit Längerem chronisch
krank und die Familie musste daher
mit sehr wenig Geld auskommen.
Die Miete zahlte das Sozialamt und
der Vater bekam auch eine karge
Rente, aber den Rest der Lebens-
haltungskosten musste die Mutter
dazu verdienen.
Für Christoph war jedes Besitztum
kostbar, egal ob es sein Fahrrad war,
oder ein Kleidungsstück. Er achtete
darauf – ganz anders als ich das
bisher von meinen Altersgenossen
und Spielkameraden kannte.
Insbesondere seine Musikgeräte und
Kassetten hütete er wie seinen
Augapfel.
Aus seiner persönlichen Situation
und dem familiären Status heraus
hatte er sich auch schon mit
sozialen Themen und Politik
beschäftigt. Er konnte mir damals
schon einigermaßen nahebringen
wie unser Wahlrecht funktioniert,
er versuchte mir etwas über soziale
Marktwirtschaft zu erklären oder
den Unterschied zwischen
Sozialisten und Kommunisten
zwischen Kapitalismus und sozialer
Marktwirtschaft benennen.
Besonders vertieft haben sich diese
Inhalte bei Diskussionen mit (und bei)
seinem Nachbarn, einem etwa
23-jährigen Jura-Studenten.
Sein Vorbild den er sehr bewunderte.
Wir unternahmen öfters kleine
Touren mit dem Fahrrad, z.B. an
den Isarauen entlang bis zur
Großhesseloher-Brücke oder in denEnglischen Garten. Wir hörten
gemeinsam die Radio Hitparade
oder Pop nach Acht und kopierten
die Hits die uns gefielen auf Kassette.
Wir verbrachten 3 Wochen der großen
Sommerferien gemeinsam im
Schullandheim in Klagenfurt. Wir
streichelten und ärgerten seine Katze
oder luden uns bei seinem Nachbarn
ein. Wir klapperten seine Boutiquen
ab nach Neuigkeiten und versuchten
bei Mädchen zu landen.
Wir verstanden uns geraume Zeit
ausgesprochen gut - bis seine Familie
in eine neue Sozialwohnung
(Nähe Michaelibad) umziehen musste.
Zu weit weg für einen 14-jährigen!
In der Folge war ich leider nicht in
der Lage meine beruflichen Ziele so
klar zu definieren um auch nur den
Hauch von Christophs schulischem
Ehrgeiz zu generieren. Im Gegenteil,
das Bildungsangebot und die
schulische Routine turnte mich immer
stärker ab. Fächer wie Geographie,
Chemie, oder Französisch aber auch
Sozialkunde und Sport rangierten auf
meiner „wen-intressiert´s-Liste“ ganz
oben.
Ich avancierte zum hingebungsvollen,
fantasiereichen Schulschwänzer.
Manchmal nur die Fächer, die mir
keinen Spaß machten, manchmal
einzelne Tage aber auch mal eine
ganze Woche.
Diese gewonnene Zeit verbrachte ich
meist in der Bibliothek wo es
Bildung nach meiner Wahl gab.
Talentiert wie ich war, fälschte ich
nicht nur die Unterschrift meiner
Mutter, sondern verfasste seitenlange
Entschuldigungen in ihrer
Handschrift. Sie hatte einen sehr
charakteristischen Schreibstil mit
einigen kalligraphischen Hommagen
ans Altdeutsche. Oder ich besorgte
mir Mullbinden und Pflaster ummeine Hand recht professionell
einzubinden. Das half gegen Fächer
wie Deutsch, Englisch und Sport.
Das Herstellen und Schminken
ziemlich echt aussehender Wunden
gehörte ebenfalls zu meinem
Repertoire.
Schriftliche Mitteilungen der Schule
fing ich ab (längst wusste ich wie man
unseren Briefkasten auch ohne Schlüssel
öffnen konnte) und wenn eine der
Lehrkräfte ankündigte, sich bei
meiner Mutter telefonisch
erkundigen zu wollen, schraubte
ich kurzerhand das Telefon auf und
isolierte mit einem Stück Klebeband
die Hörmuschel. Natürlich nur
Nachmittags. Am Abend, wenn meine
Mutter den Papa darum bat, sich doch
mal das Telefon anzusehen, weil es
mehrfach geklingelt hatte, ohne dass
ein Gesprächsteilnehmer zu hören
gewesen wäre, funktionierte wieder
alles tip-top. (In heimtückischer
Weise untermauerte ich dadurch das
verbreitete Klischee –
„Frauen und Technik“!)
Unglaublich lange ging das gut, aber
irgendwann flog ich auf. Aber es war
eh schon zu spät, meine Zensuren
waren kurz vor den Zeugnissen völlig
im Keller. An einen Übertritt war
nicht zu denken, ich musste die
9.Klasse wiederholen.
Dabei begegnete ich meinem
nächsten Weggefährten.
Emil
