Schriftsteller | Autor

Der lange Weg III - könnte auch Weggefährten VII heißen.

ERNIEDEUS

Er behielt immer professionelle
Distanz zu den Gästen und dennoch
vermittelte er jedem, dem er ein paar
Worte oder eine Geste widmete, das
Gefühl sein bester Kumpel zu sein.
Oder plötzliche, unverhoffte
Privilegien zu besitzen.

Natürlich legte er das, was das
Publikum hören wollte auf den
Plattenteller, aber im Wesentlichen
drehte er
den Spieß umund brachte,
Kraft seiner Persönlichkeit und
Erfahrung in Sachen Manipulation,
die Leute dazu - das zu wollen,
was er auflegte.
(eine erstaunliche Begabung).

Wer nicht glaubt,
dass manche unserer
Artgenossen nur durch ihr Charisma,
ihre Ausstrahlung, Entschiedenheit
und Körpersprache andere
maßgeblich beeinflussen können,
dem sei folgende Geschichte erzählt:

Ernie und ich heizten an einer geilen,
prallvollen Freitagnacht unseren
Discobesuchern richtig ein. Die
Stimmung war bombastisch, die
Leute glücklich und ausgelassen, der
Dancefloor blieb die ganze Zeit voll.
Die komplette Nacht wurde auf Tape
mitgeschnitten und kam eine Woche
später noch einmal zum Einsatz.

Da ergab sich nämlich eine Notlage.
Ernie war nicht verfügbar,
ich musste mich um den Service
kümmern, und nach Rücksprache mit
Karel gab es an jenem Samstag keine
andere Möglichkeit als ein Placebo
einzubauen. Das heißt,
wir stellten einen jungen Mann ans
Plattenpult, der nur so tat, als lege er
Platten auf. In Wirklichkeit lief das
„Ernie-Tape“ vom letzten Freitag.

Niemand bemerkte unseren „Fake“.
Trotzdem war es kein Erfolg, da die
gleichen Leute, die genau diesen

Sound in genau dieser Reihenfolge
und Qualität, 8 Tage vorher noch
gefeiert hatten und „super-geil“
fanden
- sich nun über diesen „neuen
unbekannten DJ“ und seine
minderwertige Plattenauswahl
lautstark mokierten.
Ausstrahlung – Eloquenz – Magie -
Man hat´s oder man hat´s eben nicht.

Ernie hatte genug davon und er
vermittelte
mir eine grundlegend
ironische, distanzierte Herangehens-
weise an die Nutzer gastronomischer
Dienstleistung. Während Karel in
östlich-machistischer Tradition
hauptsächlich ökonomische
Erwägungen und das „Flachlegen“
weiblicher Gäste
& Servicemädchen
in den Vordergrund stellte.

Karels ölige Anmache klang im
Original-Ton folgendermaßen:
„Du bist geile Zuckermaus! Was magst du
trinken? Wizki oder Wozka?
Magst du Hasch rauchen? Gehst du mit in
Bürro, da hab ich Rote, Grüne, Gelbe“!
Er war nicht sonderlich wählerisch,
zur Not begattete er schon auch mal
die Putzfrau auf seiner fleckigen
Couch in
die Bürro“.
Das MottoGeiz ist geil
stammte nicht von ihm, aber er war
ständig beides.

Es war eine höchst interessante Zeit.
Das beherzte Eintreten für den
Frieden im Lokal fiel mir dank
meiner Kampfsportausbildung und
guten Reflexen gar nicht so schwer.
Zugegebenermaßen stand mir bei
Auseinandersetzungen auch stets
noch ein wichtiger Bundesgenosse
zur Seite – der Alkohol.
Die Gegner waren beinahe immer
betrunken – und ich stocknüchtern.

Ich wuchs mit meinen Aufgaben.
Es kamen in so kurzer Zeit
unheimlich viele neue Impulse auf
mich zu. Aber auch alte, bereits
überwundene Gefahren taten sich
erneut vor mir auf.
Mein neuer Freund Ernie gefiel sich
mir gegenüber in der Rolle des
Versuchers. „Klein Mephisto“ hatte
ständig „Bock, um die Häuser zu
ziehen“ natürlich nicht allein, ich
musste ihn schon begleiten. Meist
hatte er irgendwelche Rauschmittel
bei sich. Ob Dope oder LSD, Koks
oder MMs irgendetwas davon trug
er immer mit sich herum und wollte
es auch ständig mit mir teilen.
Wie perfide!

Er besaß eine beneidenswerte
Konstitution, denn trotz dieser
exzessiven Lebensweise und einem
hohen Konsum von Alkohol und
einer dosierten, aber regelmäßigen
Einnahme von Drogen war ihm nix
anzumerken. Er war ein beständiger
Quell an guter Laune, stets allem
gegenüber offen, schlagfertig, agil,
ironisch, schelmisch und
durchtrieben. Mit anderen Worten:,
- die beste und kurzweiligste
Ausgabe
eines Freundes
für einen ledigen jungen Mann
ohne Bindung und Verpflichtungen.

Das „Some Night“ verkaufte Karel
im Spätsommer und Ernie und ich
konzentrierten uns nun auf den
zweiten Club. Sonntag bis Dienstag
blieb das „Hollywood“ geschlossen,
aber an den restlichen vier Tagen der
Woche ließen wir um 19 Uhr die
Gäste ein und schlossen spätestens
um 2°° Uhr früh den Disco-Betrieb.
Anschließend trieben wir uns oft bis
zum Morgen in Münchener Clubs
(z.B. Namenlos, Sugar Shack, PN, East Side,
P1, Zip o.ä.
) herum.

Die dortigen DJ´s waren alle gute
Bekannte von Ernie, und somit auch
bald von mir, was uns nicht nur all
die gestrengen Türsteher dieser Stadt
vom Leibe hielt, -
(An ihm kam niemand vorbei : Salvatore
war Münchens härtester und bekanntester
Türsteher. In den Discotheken „Charly M“,
„Tiffany“, „East Side“, „Namenlos“ und im

Take Fiveentschied er allein, wer mitfeiern
durfte. Er galt als unbestechlich.
Selbst Mick Jagger ließ er Anfang der 80er
nicht ins „East Side“ an der Rosenheimer
Straße. Der smarte Italiener sagte nur:
„Ich kenne dich nicht, du bleibst draußen!“
Mit einem freundlichen Lächeln schloss er
dann die Tür
)
- sondern uns auch sozusagen
„Backstage-Befugnisse“ einräumte
und Einblicke tief hinter die
Publikumsfassade erlaubte. Die
faszinierende und schillernde Welt
der Nachtgastronomie mit all ihren
Lastern, sozialen Brennpunkten und
kommerziellen Facetten lag nackt
vor uns ausgebreitet. Hemingway &
Toulouse-Lautrec hätten uns beneidet.

Wir wussten -
warum Barkeeper Zoltan nach legendären 1
0 Jahren im „Adam´s“ rausgeflogen war
und jetzt im P1 arbeitete.
Wir wussten -
dass über dem „Sugar shack“ der lang-
jährige Betreiber, der „Kurti“, wohnte
und mittels eines halbseitig verspiegelten
Teils der Lokaldecke die Tanzfläche und das
weibliche Publikum im Hinblick auf seine
nächste Privatfete selektierte.
Wir wussten -
dass Michael K. bei solchen Gelegenheiten
meist mit einem exclusiven Buffet anrückte,
damit er dabei sein durfte.
Wir wussten -
was vorgeht, in der damals noch
überschaubaren Welt der Münchner
Nacht- und Nobelgastronomie.
Wir verdienten beide gutes Geld,

(ich, in den ersten Monaten sogar doppelt)
mit einer Sache, die für mich eher
einem Hobby gleichkam. Arbeit hätte
ich damals anders definiert.
Wir generierten viel Spaß, Erfolg,
Anerkennung und hatten erotische
Abenteuer „en masse“. Wir waren
die Blues Brothers; wir waren die
Musketiere; wir waren Batman und
Robin oder Ernie & Bert.

Außer an den Tagen, an denen ich
höchstpersönlich schon früh arbeiten
gehen musste, (
in den ersten Monaten)
amüsierten wir uns über die Leute,
die morgens um 6 oder 7 Uhr in
die Arbeit tappten, während wir erst

langsam, Vampiren gleich, blass aber
glücklich mit der aufgehenden Sonne
unsere Betten aufsuchten.
(und das häufig nicht alleine).

Den Schlaf betrachteten wir als völlig
überbewertet
(4-5 Stunden waren genug)
und verbrachten die Nachmittage oft
in Plattenläden, um uns durch die
Auswahl neuester Alben und Charts
durch-zuhören, aber auch um Info´s
über rare Importe, Neuheiten und
Tipps aus den Verkäufern heraus-
zukitzeln.

Oder wir vertrieben uns die Zeit in
Freizeitclubs wie dem „Athmos“,
einer Art privatem Schwimmbad mit
Palmen und „Kunst-Tropic-Flair“.
Es gab eine Sauna, einen sonnigen
Außenbereich, Trainings- und
Freizeitangebote (
So etwas wie die
heutigen großen Fitness-Center waren
zu der Zeit noch unbekannt
).
Man bewegte sich stets nackt in
dieser künstlichen Karibik. Das
Publikum war sehr gemischt. Es
bestand aus Außenseitern
- Leuten
die tagsüber keiner geregelten Arbeit
nachgingen aber trotzdem genug
Geld besaßen um sich solche teuren
Freizeiteinrichtungen leisten zu
können
. Z.B. Models, Nutten und
alles dazwischen
. Und glaubt mir,
den Unterschied konnte man
auch ohne Kleidung auf den
ersten Blick erkennen. Es gab die
Streifenlosen“ - eingefleischte FKK-
Jünger, reiche Müßiggänger, die eher
blassen, schüchternen Künstler
- aber
auch bekannte Gesichter. Promis aus
Politik und der Medienwelt-
z.B.:
Schauspiel-Legende Helmut Fischer
(der Monaco Franze)
waren dort Stammgast.

(
Das Athmos gibt’s schon lange nicht mehr,
aber -wen es interessiert - auf der LP
„Dolce Vita“ der „Spider Murphy Gang“
wurden die Cover-Fotos in jenem Club
aufgenommen
).

Die Jungs aus der alten Clique und
der früheren Band fanden diesen
„Easy Way of Life“ total abgefahren
und wollten daran partizipieren. Sie
kamen jetzt oft ins „Hollywood“ und
so ergab sich auch wieder verstärkt
Kontakt zu ihnen. Sie hatten
mittlerweile wieder einen
Proberaum.

Paul McCartney sang:
Love was such a easy game to play!
Ein angenehmer Lebensabschnitt,
an den ich gerne zurück denke.

Fortsetzung folgt

Emil