Schriftsteller | Autor

STARTSZENE AUS MEINEM BUCH:

DER KOCH, DIE ZEIT

... UND DIE TÖCHTER DER NYX


Unverhofftes Ableben

Die Neon-Deckenleuchte brannte
sich einen Weg in die unaufgeräumte
Masse von Neuronen seines außer
Betrieb befindlichen Denkapparates.
Descartes‘ genialer Satz drängte sich
ihm ins Bewußtsein:
„Ich denke – also bin ich“.
Vordringliche Fragen
schälten sich
langsam aus dem
Nebel seiner
Gehirnwindungen:
Aber wer bin ich? Und wo bin ich?

Müdigkeit, Verwirrung,
Teilnahmslosigkeit drehten sich
schwindelerregend wie Satelliten
um sein betäubtes Gehirn.
Übelkeit,
Kopfschmerzen!
Er blinzelte ein paarmal, versuchte
sich zu orientieren.
Neonbeleuchtung; weiße Paneeldecke
mit winzigen, maschinell gestanzten
Löchern. Krankenhaus? Er bemühte
sich darum sich aufzusetzen, es ging
nicht. Arme und Beine waren gespreizt
und fixiert. Er versuchte zu sprechen,
jemanden herbeizurufen, aber irgend
etwas steckte in seinem Mund und
dimmte seine Rufe zu einem leisen
Grummeln herunter. Ein starkes
Gefühl namens Ärger verdrängte nun
langsam die Orientierungslosigkeit.
Er hob den Kopf und ließ den Blick
schweifen. Er lag nackt auf einer
medizinischen Trage oder Liege,
welche an den vier Ecken je zwei
Lederbänder zum Fixieren der
Gliedmaßen aufwies. Eine optische
Prüfung seiner physischen
Erscheinung im Hinblick auf einen
möglicherweise erlittenen Unfall
ergab keinen Treffer. Er schien
unversehrt. Schmerzen – negativ.

Der Raum, mittelgroß, weiß gefliest,
sah aus wie ein typisches
Behandlungszimmer mit mehreren
medizinischen
Überwachungsgeräten
deren Kontrolllämpchen jedoch
erloschen waren. Die Wand zu seiner
Rechten wies mehrere halbhohe
Schränke auf. Dieser Raum befand
sich anscheinend im Souterrain, da
die drei Fensteröffnungen auf der
linken Seite des Raumes den Blick
nur auf geräumige, weiße
Lichtschächte freigaben.
Er forschte in seinem wieder
erwachenden Gedächtnis, in dem
Alarmsirenen zu schrillen begonnen
hatten, nach einem Hinweis, wie er
in diese Lage gelangt sein könnte.
Aber das Letzte, woran er sich
erinnerte, war dieses Hotelzimmer
und diese Frau, schattenhaft, und
wie sie sich im Halbdunklen aus
ihren Klamotten schälte. Eine sehr
schöne, aufregende Frau übrigens.
Wieder versuchte er zu rufen,
irgendjemanden aufmerksam zu
machen und nun vernahm er das
Geräusch einer sich öffnenden Tür
direkt hinter dem Kopfende seiner Liege.

„Keine Sorge, es wird nicht wehtun!“,
sagte eine sanfte weibliche Stimme
außerhalb seines eingeschränkten
Sichtbereichs. „Eine Luftembolie
bringt dich innerhalb weniger
Sekunden auf die andere Seite.“
Die weißen Ärmel eines Ärzte- oder
Laborkittels tauchten mitsamt den
zarten Frauenhänden, die mit einer
aufgezogenen aber leeren Spritze
zwischen den rot lackierten
Fingernägeln herum tändelten, in
seinem Blickfeld auf.
„Zuerst ein heftiges, rauschartiges
Schwindelgefühl, dann das
Ausknipsen deiner Sinne,
pling
, pling, pling, völlig schmerzfrei,
fast ein wenig langweilig.“

Sein Ärger schlug in Besorgnis um.
Er verdrehte ruckartig den Kopf,

um sich ein Bild von seiner
Peinigerin zu machen und erkannte
das zu einem sanften Lächeln
verzogene Gesicht der Frau wieder,
die sich als Nora vorgestellt hatte
und deren verführerischen, nackten
Körper er noch so gut in Erinnerung
hatte.
Ein Spiel, es muss ein Spiel sein -
Die Schlampe ist pervers, erklärte
sein Verstand.

„So, jetzt legen wir zuerst mal den
Zugang, damit du nicht glaubst,
dass ich nur Spaß mache.“
Schon spürte er den Einstich in
seinem ungeschützten, gefesselten
rechten Unterarm.
„Jetzt brauch ich nur noch
abzudrücken. Du hast übrigens
immer noch meinen Slip im Mund,
mein Süßer. Findest du das nicht ein
bisschen ungehörig? Pass auf, das
Spiel geht so: Ich stelle dir jetzt eine
Frage, wenn du sie beantworten
kannst wirst du leben. Beantwortest
du sie nicht oder nicht richtig, wirst
du sterben. Ooch!

Also hör mir gut zu, ich warne dich,
das meine ich ernst. Ich stelle die
Frage nur ein einziges Mal, und
dann mach ich deinen Mund frei.
Schreist du, stirbst du. Antwortest du
richtig, wirst du am Leben bleiben!“

Also hör gut zu:
„I
st immer alt und manchmal neu,
nicht immer da, doch immer treu,
niemals leer, doch manchmal voll,
nicht schiebt, nur zieht, -
macht manche toll
?“

„Du hast drei Minuten zum
Nachdenken und dann genug Zeit
um zu antworten!
Denke, wenn du leben willst!“

Sie schien die Situation zu genießen.

über ihre dunkelrot geschminkten
vollen Lippen. Sie strich leicht mit
ihren langen, perfekt gefeilten und
lackierten Fingernägeln über seinen
nackten Körper. Immer wieder.
Kalter Angstschweiß perlte auf seiner
Stirn. Er hegte nicht den leisesten
Zweifel an der Entschlossenheit
dieser Irren, in deren Gewalt er sich
befand. Dieses fürchterliche Gefühl
des Ausgeliefertseins.
Ihr Laborkittel klaffte ziemlich weit
auf, als sie sich über ihn beugte, und
er konnte die Bewegungen ihrer
großen, schweren Brüste sehen.

Während er einen mentalen Spagat
versuchte, um Ordnung in seine
Gedanken zu bringen, diese ganzen
durcheinander brabbelnden inneren
Stimmen zum Schweigen zu bringen
und Sinn hinter ihrem Rätsel zu
erkennen, amüsierte sie sich
offensichtlich über das Wachstum
seiner schwellenden Erektion.
War es vielleicht doch nur ein
perverses Spiel? Ihr Gesicht kam
ganz nahe an seines heran, und sie
flüsterte in sein Ohr: „Ein nettes,
aber sinnloses Angebot. Ich bedaure,
aber deine Bedenkzeit ist gleich um.
Ich hoffe, du hattest noch etwas Blut
für deine Gehirntätigkeit übrig!“

Sie löste das Klebeband über
seinem Mund, der jähe Schmerz ließ
ihn die Augen schließen. Sie nahm
ihm den als Knebel benutzten lila
Damenslip aus dem Mund und
blickte ihn auffordernd an.

Angst, Wut und Begehren, eine
durcheinander gewirbelte Melange
starker Emotionen kämpften in ihm
um die Vorherrschaft und brachen
sich gleichzeitig Bahn:
„Das ist doch jetzt nicht dein Ernst,
du miese Schlampe
!“, entfuhr es ihm.
„Dieses Spiel gefällt mir nicht, und
dein Rätsel ist genauso verdreht wie

du selbst. Befreie mich jetzt endlich,
und ich zeig dir ,wie man dich
wieder grade kriegt!“

„Genau das hatte ich von dir
erwartet, mein Süßer“, sagte sie und
küsste ihn heftig. Während ihre
Zunge immer tiefer in seinen Mund
vordrang spürte er, wie sie
gleichzeitig Druck auf die Spritze in
seinem Arm ausübte. Sie löste sich
von ihm und sah ihm mit den
glitzernden Augen einer Spinne beim
Sterben zu.
„Der Mond wäre es gewesen. Ist das
nicht simpel? Der Mond.“ Sie lachte.
„Grüß mir den Fährmann!“
Schwarze Schleier behindern sein
Gesichtsfeld. „Weißt du, Dummheit
ist ein Verbrechen, das ich nicht
verzeihen kann, das ich noch nie
verzeihen konnte!“
Sie streifte den Laborkittel ab.
Nicht mehr ganz menschlich, groß,
nackt, nur ein silbern glänzendes
Skalpell in der Hand näherte sie sich
ihrem noch zuckenden Opfer.

„Emmet!“ Ihre kristallklare Stimme
ertönte aus der Hörmuschel.
Ich habe ihn lokalisiert. Die Zeichen
sind völlig klar und eindeutig!“
Erregung durchflutete den
Teilnehmer auf der anderen Seite
der Leitung.
„Was hast du getan Nora?“

„Das, was immer schon zu tun war,
um Antworten zu bekommen. Ich
habe ein Opfer gebracht!“

„Ich hoffe, du warst vorsichtig!“

„Keine Sorge,
keine Leiche,
keine Probleme.
Der, den wir brauchen, lebt in
München. Er besitzt Macht und ist
doch völlig ahnungslos. Einen
Blitzschlag lang konnte ich ihn sehen.
Er ist groß, schlank, noch jung an
Jahren, sein Haupt ist voll mit
Locken aus dunklem Gold, seine
Augen sind braun und intensiv, seine
Züge edel, gleichmäßig aber auch
melancholisch. Er arbeitet als Koch.
Blut und Eingeweide eines geborenen
Opfers haben mir alles offenbart!“

„Auch seinen wahren Namen?“

„Nein, dazu benötige ich einiges von
ihm selbst, aber ich wüsste auch, wie
ich es beschaffen kann. Soll ich mich
darum kümmern?“

„Nein, Nora, du bist zu wertvoll.
Außerdem setze ich auf seine
freiwillige Mitwirkung an unseren
Plänen. Du sagst mir genau wie ich
ihn finde, dann kann ich unser
bezauberndes Lockvögelchen auf ihn
ansetzen und ihn subtil, aber
wirkungsvoll auf unsere Seite ziehen.
Du warst großartig, mein Mädchen.
Und jetzt gib mir die Daten durch!“


Emil