DER KOCH, DIE ZEIT
... UND DIE TÖCHTER DER NYX
EMMET History
Er lümmelte gerade auf dem grauen
Kunstledersofa im Aufenthaltsraum
der geschlossenen Abteilung der
Psychiatrischen Klinik mit dem
hochtrabenden Namen:
„Waldpark-Sanatorium
für psychische Gesundheit“.
Mittagessen und Zimmerzeit waren
vorbei, und bis zum Abendessen
hatten die meisten Patienten freie
Zeit zur Verfügung. Er spielte eben
eine Partie Dame mit dem
beknackten Herbert, als es zu einer
folgenschweren Unterbrechung kam.
Herbert war einer von jenen
Alt-Hippies, ein „Evergreen“ der
Realitätsverweigerung. Immer neben
der Spur und stets von plötzlichen
Angstschüben und Depressionen
gepeinigt. Was ihm an Gehirn jetzt
fehlte, hatte er über viele Jahre zu
seinem Dealer getragen.
Emmet fragte sich im Stillen, ob es
eine Art von schicksalhafter Strafe
für ihn sei, dass er sich nun sozusagen
hautnah mit den Kollateralschäden
seiner Zunft befassen musste.
Denn unter all den Umständen, denen
er seinen Aufenthalt hier zu
verdanken hatte, war er nicht der
Unbedeutendste, jener schwunghafte
Drogenhandel, über den er seinen
feudalen Lebenswandel während
der Schulzeit finanziert hatte.
Was war ihm auch anderes
übriggeblieben? Nachdem dieser
Schweinehund Mattewski, dieser
„integre“ und überaus vertrauens-
würdige Jurist und Vermögensver-
walter, sein Taschengeld während
seines zweiten Internatsaufenthalts
auf schlappe 1000 DM monatlich
begrenzt hatte. Und noch schlimmer:
Seine Mutter davon überzeugte, dass
sie ihm und seiner Erziehung nur
schaden würde, wenn sie ihn mit
Geld flutete oder zu oft mit
mütterlicher Aufmerksamkeit
überhäufte. Er hatte sich damals oft
gefragt, ob dieser Aasgeier, der
zwischen ihm und seinem recht-
mäßigen Erbe gelandet war und
anfing, sich damit vollzustopfen,
jetzt wohl auch noch seine Mutter
fickte.
Wie auch immer, er war erst mal auf
sich selbst gestellt. Er brauchte nicht
lange, um einen smarten kleinen
Drogen-Verteilerring aufzubauen,
und viele Monate prosperierte dieses
Business ganz ausgezeichnet. Nun
verfügte er wieder über die Mittel,
die es ihm erlaubten, einen
angemessenen Lebensstil zu pflegen.
Darüber hinaus hatte er genug Zeit
für seine Studien, und die
beschränkten sich keineswegs nur
auf die schulischen Lerninhalte.
Aber als seine Geschäftspartner, die
Drogen-Importeure aufflogen und
gefasst wurden, ließen sie alle
Partner und Geschäftsverbindungen
mit hochgehen. Pech!
Man fand nichts bei ihm. Keine
Drogen und keine Drogengelder,
dafür war er zu clever. Sie konnten
ihm nur aus den Aussagen seiner Ex-
Lieferanten einen Strick drehen.
Das genügte!
Eine Steilvorlage für seinen neuen
Erzfeind, Dr. Dieter Mattewski.
Der lautstark seine Meinung vertrat,
dass man es bei ihm,
Ernst von Metten
mit einem chronisch kriminell
veranlagten Menschen zu tun hatte.
Natürlich einem Menschen, der
keinesfalls geeignet sei, seiner
geerbten Privatbank vorzustehen und
der erst einmal gründlich auf seinen
Geisteszustand zu untersuchen sei.
Wieder gelang es ihm
(wahrscheinlich im Bett),
Emmets Mutter von seiner Haltung
zu überzeugen. Deshalb landete Ernst
kurz vor seinem achtzehnten
Geburtstag – vorsorglich entmündigt –
hier in dieser Klapse.
Sein Aufenthalt in dieser Sicherheits-
station, in der alle Möbel am Boden
verschraubt, Türen und Schränke
verschlossen waren; in der es keine
Nägel, lose Teile oder
unreglementierte Gebrauchsgegen-
stände und am allerwenigsten
Freiheit gab, neigte sich bereits dem
siebten Monat zu. Und noch immer
war sein psychologisches Profil
nicht fertig.
Lächerlich, er wusste genau, dass
Mattewski ihn hier einfach nur
kaltstellen wollte, um weiterhin über
sein Erbe verfügen zu können.
Außer ihm und Herbert befanden
sich vier weitere Patienten im
Aufenthaltsraum. Wenn man Loras
imaginäre Freundin, mit der sie sich
gerade wieder ausgiebig und
gestenreich unterhielt mitzählte,
sogar fünf. Nur drei Patienten aus
seiner Station fehlten.
Zwei davon – Karl, der Ex-Alki,
der als Kind im Heim gelandet und
dort missbraucht worden war und
deshalb einen groben Knacks hatte
sowie Ruth, Neurosen-Queen und
fleischgewordene Verschwörungs-
Theorie –
waren in der Musiktherapie. Nicht zu
vergessen Vincent. Der hatte mal
wieder einen seiner berühmten
Aussetzer gehabt. Er war völlig
ausgetickt und befand sich jetzt im
sogenannten Time-Out-Raum, einer
leeren, schallisolierten, von Kameras
überwachten Zelle mit einer
Sicherheitstür ohne Türklinke von
innen. Dort würde er bleiben bis er
sich beruhigt hatte.
Notfalls auch über Nacht.
„Du wirkst heut reichlich
unkonzentriert, großer Emmet!“,
sprach Herbert sarkastisch, strich sich
die Ärmel seines Anstaltskittels bis
über die Ellbogen zurück, beugte
sich konzentriert über das Spielbrett
und holte sich eine Dame. Damit
räumte er gleich drei von Emmets
Steinen ab. Ein triumphierender Blick
aus seinen eng zusammenstehenden,
wässrigen Augen bohrte sich in sein
Gegenüber.
„Ich wusste doch, dass du diesem
Köder nicht widerstehen würdest,
mein zu kurz denkender Freund“,
sagte Emmet, während er selbst mit
neuer Dame die gegnerische
übersprang und im Zickzack noch
zwei von Herberts Steinen mitnahm.
Damit war das Spiel so gut wie
gelaufen und Herbert, der mit
Enttäuschungen so schwer
zurechtkam, räumte voller Grimm
das Spielbrett mit dem Unterarm ab
und stand auf. Doch bevor sich sein
Zorn in einer weiteren infantilen
Handlung entladen konnte, ereignete
sich diese, für Emmet so
bedeutungsschwere Störung der
langweiligen Routine.
Zwei Pfleger standen vorne beim
Kicker und beobachteten
professionell gelangweilt die
nervtötenden Aktivitäten der ihnen
Anvertrauten. Jetzt öffnete einer der
beiden die Doppel-Sicherheitsglastür
zu den Stationsräumen, indem er
seine Chipkarte durch das
elektronische Schloss rechts neben
dem Eingang zog. Von draußen
näherten sich zwei Typen vom
Sicherheitsdienst – in ihrer Mitte ein
mittelgroßes, sehr hübsches,
dunkelhaariges Mädchen in
Anstaltskleidung. Sie hielt den Blick
sorgfältig auf ihre eigenen Füße
gerichtet und wurde nun von ihren
Begleitern in den Aufenthaltsraum
geschoben.
Das war also die Neue. Kenny hatte
ihm gestern schon von ihr erzählt.
„Siebzehn Jahre alt und schon eine
Mörderin!“, hatte er gesagt.
„Angeblich war sie von dem Priester,
den sie umgebracht hat, vergewaltigt
worden.“ „Das wäre dann so etwas
wie Notwehr“,
hatte Emmet eingewandt.
„In diesem Fall wohl kaum!“, hatte
Kenny weiter berichtet. „Denn sie
hat ihm erst vierzehn Tage nach
dieser angeblichen Vergewaltigung
die Kehle durchgeschnitten und ihn
zum Ausbluten über das Taufbecken
drapiert. Die Sauerei kannst du dir
vielleicht vorstellen.“
„Herrschaften!“,
eröffnete Frau Dr. Steinle, die mit
eingetreten war, ihre Ansprache.
„Das ist Lotta, sie wird eine Weile
bei uns bleiben. Sie ist sehr
verschüchtert, lasst ihr bitte etwas
Zeit um sich einzugewöhnen.
Willkommen in unserer Station,
Lotta. Deine Mitpatienten werden
sich dir sicher zu gegebener Zeit
selbst vorstellen. Es bleiben noch
knapp zwei Stunden bis zum
Abendessen. Du kannst sie hier
verbringen oder alleine in deinem
Zimmer.“ Statt einer Antwort ließ
sich Lotta einfach in einen Sessel
fallen und blickte nach wie vor
ungestört auf ihre Fußspitzen.
„Gut Lotta, wir sehen uns dann
nach dem Abendessen noch
einmal.“ Frau Dr. Steinle verließ
den Raum. Zu den zwei Pflegern
gesellte sich nun noch ein
Sicherheitsmann. Eine Hommage an
Lottas Killer-Status.
Lotta hob langsam den Kopf und ließ
ihren Blick sondierend durch den
Raum schweifen. Nun wirkte sie kein
bisschen verschüchtert oder devot.
Als sich ihre Augen mit denen
Emmets kreuzten, durchzuckte
beide die Erkenntnis wie ein
Keulenschlag:
Sie waren sich vertraut. Zwei Seiten
der gleichen Münze. Wie Zwillinge,
die sich vorher nie begegnet waren.
Einer Schlafwandlerin gleich,
erhob sie sich und steuerte auf
Emmet zu. „Ich kenne dich“,
flüsterte sie. „Ich habe oft von dir
und diesem Raum hier geträumt!
Sag mir, wer ordnet das Geflecht der
Zeit und gebietet über den Lauf der
Gestirne?“
„Chronos!“, entfuhr es ohne Zögern
Emmets Mund. Und ebenfalls ohne
Zögern erwiderte Lotta:
„So wie es immer war!“
Sie betonte diese Worte wie eine
Gebetsformel. Den unsicher
grinsenden Herbert schubste sie
einfach zur Seite und setzte sich
direkt neben Emmet.
„Und wie ist dein heutiger Name,
Sohn des Gewaltigen?“
„Ich heiße Ernst von Metten. Du
kannst Emmet zu mir sagen!“
„Das mag für dich richtig sein –
und ist doch sowas von falsch!“
Mit beiden Händen umfing sie sein
Gesicht, es war die Geste einer
Liebenden. Leichter Schwindel
umfing ihn, und ihr Blick, sanft und
doch rasiermesserscharf, drang wie
eine Klinge aus Eis in seinen Kopf.
Er wusste: genau dasselbe hatte er
vor Urzeiten schon einmal erlebt.
Dann berührte sie mit ihrer Stirn die
seine. Eine mentale Detonation
fegte ihn aus dem Bewusstsein.
Frau Dr. Steinle, nur Minuten später
im Aufenthaltsraum, kannte kein
Beispiel aus der Geschichte der
Psychiatrie für kollektive Epilepsie.
Und doch konnte sie die Spasmen,
Zuckungen und die anschließende
tiefe Ohnmacht der beiden
Patienten nicht anders erklären.
Emil
Kunstledersofa im Aufenthaltsraum
der geschlossenen Abteilung der
Psychiatrischen Klinik mit dem
hochtrabenden Namen:
„Waldpark-Sanatorium
für psychische Gesundheit“.
Mittagessen und Zimmerzeit waren
vorbei, und bis zum Abendessen
hatten die meisten Patienten freie
Zeit zur Verfügung. Er spielte eben
eine Partie Dame mit dem
beknackten Herbert, als es zu einer
folgenschweren Unterbrechung kam.
Herbert war einer von jenen
Alt-Hippies, ein „Evergreen“ der
Realitätsverweigerung. Immer neben
der Spur und stets von plötzlichen
Angstschüben und Depressionen
gepeinigt. Was ihm an Gehirn jetzt
fehlte, hatte er über viele Jahre zu
seinem Dealer getragen.
Emmet fragte sich im Stillen, ob es
eine Art von schicksalhafter Strafe
für ihn sei, dass er sich nun sozusagen
hautnah mit den Kollateralschäden
seiner Zunft befassen musste.
Denn unter all den Umständen, denen
er seinen Aufenthalt hier zu
verdanken hatte, war er nicht der
Unbedeutendste, jener schwunghafte
Drogenhandel, über den er seinen
feudalen Lebenswandel während
der Schulzeit finanziert hatte.
Was war ihm auch anderes
übriggeblieben? Nachdem dieser
Schweinehund Mattewski, dieser
„integre“ und überaus vertrauens-
würdige Jurist und Vermögensver-
walter, sein Taschengeld während
seines zweiten Internatsaufenthalts
auf schlappe 1000 DM monatlich
begrenzt hatte. Und noch schlimmer:
Seine Mutter davon überzeugte, dass
sie ihm und seiner Erziehung nur
schaden würde, wenn sie ihn mit
Geld flutete oder zu oft mit
mütterlicher Aufmerksamkeit
überhäufte. Er hatte sich damals oft
gefragt, ob dieser Aasgeier, der
zwischen ihm und seinem recht-
mäßigen Erbe gelandet war und
anfing, sich damit vollzustopfen,
jetzt wohl auch noch seine Mutter
fickte.
Wie auch immer, er war erst mal auf
sich selbst gestellt. Er brauchte nicht
lange, um einen smarten kleinen
Drogen-Verteilerring aufzubauen,
und viele Monate prosperierte dieses
Business ganz ausgezeichnet. Nun
verfügte er wieder über die Mittel,
die es ihm erlaubten, einen
angemessenen Lebensstil zu pflegen.
Darüber hinaus hatte er genug Zeit
für seine Studien, und die
beschränkten sich keineswegs nur
auf die schulischen Lerninhalte.
Aber als seine Geschäftspartner, die
Drogen-Importeure aufflogen und
gefasst wurden, ließen sie alle
Partner und Geschäftsverbindungen
mit hochgehen. Pech!
Man fand nichts bei ihm. Keine
Drogen und keine Drogengelder,
dafür war er zu clever. Sie konnten
ihm nur aus den Aussagen seiner Ex-
Lieferanten einen Strick drehen.
Das genügte!
Eine Steilvorlage für seinen neuen
Erzfeind, Dr. Dieter Mattewski.
Der lautstark seine Meinung vertrat,
dass man es bei ihm,
Ernst von Metten
mit einem chronisch kriminell
veranlagten Menschen zu tun hatte.
Natürlich einem Menschen, der
keinesfalls geeignet sei, seiner
geerbten Privatbank vorzustehen und
der erst einmal gründlich auf seinen
Geisteszustand zu untersuchen sei.
Wieder gelang es ihm
(wahrscheinlich im Bett),
Emmets Mutter von seiner Haltung
zu überzeugen. Deshalb landete Ernst
kurz vor seinem achtzehnten
Geburtstag – vorsorglich entmündigt –
hier in dieser Klapse.
Sein Aufenthalt in dieser Sicherheits-
station, in der alle Möbel am Boden
verschraubt, Türen und Schränke
verschlossen waren; in der es keine
Nägel, lose Teile oder
unreglementierte Gebrauchsgegen-
stände und am allerwenigsten
Freiheit gab, neigte sich bereits dem
siebten Monat zu. Und noch immer
war sein psychologisches Profil
nicht fertig.
Lächerlich, er wusste genau, dass
Mattewski ihn hier einfach nur
kaltstellen wollte, um weiterhin über
sein Erbe verfügen zu können.
Außer ihm und Herbert befanden
sich vier weitere Patienten im
Aufenthaltsraum. Wenn man Loras
imaginäre Freundin, mit der sie sich
gerade wieder ausgiebig und
gestenreich unterhielt mitzählte,
sogar fünf. Nur drei Patienten aus
seiner Station fehlten.
Zwei davon – Karl, der Ex-Alki,
der als Kind im Heim gelandet und
dort missbraucht worden war und
deshalb einen groben Knacks hatte
sowie Ruth, Neurosen-Queen und
fleischgewordene Verschwörungs-
Theorie –
waren in der Musiktherapie. Nicht zu
vergessen Vincent. Der hatte mal
wieder einen seiner berühmten
Aussetzer gehabt. Er war völlig
ausgetickt und befand sich jetzt im
sogenannten Time-Out-Raum, einer
leeren, schallisolierten, von Kameras
überwachten Zelle mit einer
Sicherheitstür ohne Türklinke von
innen. Dort würde er bleiben bis er
sich beruhigt hatte.
Notfalls auch über Nacht.
„Du wirkst heut reichlich
unkonzentriert, großer Emmet!“,
sprach Herbert sarkastisch, strich sich
die Ärmel seines Anstaltskittels bis
über die Ellbogen zurück, beugte
sich konzentriert über das Spielbrett
und holte sich eine Dame. Damit
räumte er gleich drei von Emmets
Steinen ab. Ein triumphierender Blick
aus seinen eng zusammenstehenden,
wässrigen Augen bohrte sich in sein
Gegenüber.
„Ich wusste doch, dass du diesem
Köder nicht widerstehen würdest,
mein zu kurz denkender Freund“,
sagte Emmet, während er selbst mit
neuer Dame die gegnerische
übersprang und im Zickzack noch
zwei von Herberts Steinen mitnahm.
Damit war das Spiel so gut wie
gelaufen und Herbert, der mit
Enttäuschungen so schwer
zurechtkam, räumte voller Grimm
das Spielbrett mit dem Unterarm ab
und stand auf. Doch bevor sich sein
Zorn in einer weiteren infantilen
Handlung entladen konnte, ereignete
sich diese, für Emmet so
bedeutungsschwere Störung der
langweiligen Routine.
Zwei Pfleger standen vorne beim
Kicker und beobachteten
professionell gelangweilt die
nervtötenden Aktivitäten der ihnen
Anvertrauten. Jetzt öffnete einer der
beiden die Doppel-Sicherheitsglastür
zu den Stationsräumen, indem er
seine Chipkarte durch das
elektronische Schloss rechts neben
dem Eingang zog. Von draußen
näherten sich zwei Typen vom
Sicherheitsdienst – in ihrer Mitte ein
mittelgroßes, sehr hübsches,
dunkelhaariges Mädchen in
Anstaltskleidung. Sie hielt den Blick
sorgfältig auf ihre eigenen Füße
gerichtet und wurde nun von ihren
Begleitern in den Aufenthaltsraum
geschoben.
Das war also die Neue. Kenny hatte
ihm gestern schon von ihr erzählt.
„Siebzehn Jahre alt und schon eine
Mörderin!“, hatte er gesagt.
„Angeblich war sie von dem Priester,
den sie umgebracht hat, vergewaltigt
worden.“ „Das wäre dann so etwas
wie Notwehr“,
hatte Emmet eingewandt.
„In diesem Fall wohl kaum!“, hatte
Kenny weiter berichtet. „Denn sie
hat ihm erst vierzehn Tage nach
dieser angeblichen Vergewaltigung
die Kehle durchgeschnitten und ihn
zum Ausbluten über das Taufbecken
drapiert. Die Sauerei kannst du dir
vielleicht vorstellen.“
„Herrschaften!“,
eröffnete Frau Dr. Steinle, die mit
eingetreten war, ihre Ansprache.
„Das ist Lotta, sie wird eine Weile
bei uns bleiben. Sie ist sehr
verschüchtert, lasst ihr bitte etwas
Zeit um sich einzugewöhnen.
Willkommen in unserer Station,
Lotta. Deine Mitpatienten werden
sich dir sicher zu gegebener Zeit
selbst vorstellen. Es bleiben noch
knapp zwei Stunden bis zum
Abendessen. Du kannst sie hier
verbringen oder alleine in deinem
Zimmer.“ Statt einer Antwort ließ
sich Lotta einfach in einen Sessel
fallen und blickte nach wie vor
ungestört auf ihre Fußspitzen.
„Gut Lotta, wir sehen uns dann
nach dem Abendessen noch
einmal.“ Frau Dr. Steinle verließ
den Raum. Zu den zwei Pflegern
gesellte sich nun noch ein
Sicherheitsmann. Eine Hommage an
Lottas Killer-Status.
Lotta hob langsam den Kopf und ließ
ihren Blick sondierend durch den
Raum schweifen. Nun wirkte sie kein
bisschen verschüchtert oder devot.
Als sich ihre Augen mit denen
Emmets kreuzten, durchzuckte
beide die Erkenntnis wie ein
Keulenschlag:
Sie waren sich vertraut. Zwei Seiten
der gleichen Münze. Wie Zwillinge,
die sich vorher nie begegnet waren.
Einer Schlafwandlerin gleich,
erhob sie sich und steuerte auf
Emmet zu. „Ich kenne dich“,
flüsterte sie. „Ich habe oft von dir
und diesem Raum hier geträumt!
Sag mir, wer ordnet das Geflecht der
Zeit und gebietet über den Lauf der
Gestirne?“
„Chronos!“, entfuhr es ohne Zögern
Emmets Mund. Und ebenfalls ohne
Zögern erwiderte Lotta:
„So wie es immer war!“
Sie betonte diese Worte wie eine
Gebetsformel. Den unsicher
grinsenden Herbert schubste sie
einfach zur Seite und setzte sich
direkt neben Emmet.
„Und wie ist dein heutiger Name,
Sohn des Gewaltigen?“
„Ich heiße Ernst von Metten. Du
kannst Emmet zu mir sagen!“
„Das mag für dich richtig sein –
und ist doch sowas von falsch!“
Mit beiden Händen umfing sie sein
Gesicht, es war die Geste einer
Liebenden. Leichter Schwindel
umfing ihn, und ihr Blick, sanft und
doch rasiermesserscharf, drang wie
eine Klinge aus Eis in seinen Kopf.
Er wusste: genau dasselbe hatte er
vor Urzeiten schon einmal erlebt.
Dann berührte sie mit ihrer Stirn die
seine. Eine mentale Detonation
fegte ihn aus dem Bewusstsein.
Frau Dr. Steinle, nur Minuten später
im Aufenthaltsraum, kannte kein
Beispiel aus der Geschichte der
Psychiatrie für kollektive Epilepsie.
Und doch konnte sie die Spasmen,
Zuckungen und die anschließende
tiefe Ohnmacht der beiden
Patienten nicht anders erklären.
Emil
