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DER KOCH, DIE ZEIT

... UND DIE TÖCHTER DER NYX

Die Gnade der Götter


Zwei hochgewachsene Gestalten
schritten durch das geschäftige
Treiben und die farbenprächtige
Kulisse von Platamon, dem einstigen
Fischerdorf, dessen Märkte direkt
an die großzügigen Hafenanlagen
angrenzten. Auf dem Hügel, nicht
weit entfernt, der hitzeflimmernde
Blick auf die trutzigen Mauern der
Stadt Herakleon. Gegründet nach
der Sage von keinem Geringeren
als dem Zeussohn Herakles selbst.

Es war eine reiche Stadt an diesem
fruchtbaren
, flachen Küstenabschnitt.
Aus allen Häfen der bekannten Welt,
aus allen bekannten Meeren und
Ländern legten hier Handelsschiffe
an und brachten Waren, Reichtum,
Händler und Kaufleute, aber vor
allem auch Kunde und
Informationen aus anderen Teilen
der Welt mit hierher.

Obwohl es auf diesem Markt vor
Ausländern wimmelte – man
sah blau gewandete Korinther,
schwarzhaarige Phönizier, Söldner
aus Argos, die barbarischen
Bewohner
der Skythen, dunkeläugige
Sklavinnen aus Persien, Händler aus
Kreta und fernen orientalischen
Ländern, ja sogar aus dem
geheimnisvollen Ägypten. Doch
diese beiden Männer waren anders.

Sie waren so hochgewachsen wie
reinrassige Hellenen, mit heller
Haut, hellem Haar und hellen
Augen. Aber sie bewegten sich
anders. Ihre Kleidung, dicht
gewebt mit starken Farben,
war von einer Art, wie sie hier
noch nicht gesehen worden war.
Sie waren nicht in Begleitung von
Dienerschaft. Und sie trugen keine
Schwerter oder sonstige erkennbare

Waffen – bestenfalls der kurze
schwarze Stock an der Seite des
einen der beiden wäre als Waffe zu
betrachten. Oder dieser lächerlich
kleine hölzerne Bogen, den der
andere auf dem Rücken trug.

Es müssen entflohene Sklaven sein!
flüsterte der Heilkundige hinter
seinem Stand seiner Frau zu.
„Nein, nein auf keinen Fall!“,
erwiderte diese aufgeregt. „Hast du
nicht ihre Hände gesehen? Solche
Hände, so zart und gepflegt. Das
sind keine Sklavenhände – sie
zeugen auch nicht von Handwerk
oder Waffengebrauch. Es sind
entweder Schreiber, hohe
Herrschaften oder“, sie dämpfte ihre
Stimme
, „oder gar Götter. Glaub mir!

Einer der griechischen Marktaufseher
und Wachleute, seinen Insignien
nach
zu schließen sogar von höherem
Rang, schien die beiden ähnlich
verdächtig zu finden. Er war ein
großer, muskulöser Blondschopf in
Leder-Tunika und Helm gewandet,
um die Schultern flatterte ein Stück
Stoff in den Farben Herakleons. Sein
Gesichtsausdruck war arrogant. Ein
Schwert war um seine Hüften
gegürtet. Er trat den Fremdlingen in
den Weg und herrschte sie in
thessalischem Dialekt an:
„Wer seid ihr, und wohin wollt ihr?
Ihr seid weder Seefahrer noch
Händler. Weder Bauern noch Krieger.
Und auch keine Priester.
Seid ihr etwa Spione?“

Der Sprecher der Fremden, der nicht
respektvoll zu Boden starrte wie es
sich geziemt hätte, sondern frech in
die Augen des Bewaffneten blickte,
antwortete: „Nein mein Freund, wir
sind Sänger, Seher, Schriftgelehrte
und Berater von Fürsten und
Königen. Wir befinden uns auf
dem Weg zum Olymp, um mit den

Göttern selbst zu sprechen.
Leider sind wir in den Wäldern,
zehn Tagesreisen nördlich des
Tempels von Delphi, überfallen und
ausgeraubt worden. Unser Begehr
ist es, uns einer Handelskarawane
anzuschließen, welche Richtung
Illyrien oder direkt zum Berg der
Götter unterwegs ist!“

Die Stirn gerunzelt mutmaßte der
Aufseher: „Aha, also ausgeraubt,
sagt ihr!“ Seine Stimme klang rau,
die Rede barsch. „Ich glaube, ihr
lügt. Ausgeraubt aber unverletzt.
Das erscheint mir seltsam. Aber
selbst wenn ich euch glaube,
bedeutet es wohl, dass ihr nichts
mehr besitzt außer eurem Leben.
Kein Geld, keine Edelsteine, keine
Waren, keine Legitimationen,
Sklaven, Waffen oder Pferde.
Aber trotzdem tretet ihr auf wie
Fürsten. Nein, er schüttelt den Kopf,
so wie die Dinge stehen, könnt ihr
als mittellose Fremde in unserer
Stadt nur Sklaven sein
. So kniet denn
hier und jetzt nieder, dann werde ich
euch binden und vor den
Stadtkommandanten bringen. Mit
seiner Entscheidung könnt ihr
vielleicht heute noch auf dem
Sklavenmarkt verkauft werden!“

„Du hast mich nicht richtig
verstanden, Bauernlümmel!“,
provozierte der Sprecher der
Fremden. „Wir beraten Könige
und bedienen nicht die Ruder von
Galeeren. Bring uns also nicht zum
Kommandanten, sondern zum
Regenten dieser ehrwürdigen Stadt,
damit wir ihm unsere Dienste
anbieten können!“

Mit breitem Grinsen zog der
Wachmann nun ganz langsam und
geräuschvoll sein Schwert. „Eisen
aus Attika, schwärmte er dabei – So
kunstvoll geschmiedet
, dass es sogar
dem Hinkenden alle Ehre macht.
Eure letzte Gelegenheit am Leben zu

bleiben ihr Spione... Kniet nieder!“,
herrschte er sie an.

„Deine letzte Gelegenheit, dich zu
mäßigen und uns zum Regenten zu
geleiten. Steck dein Schwert weg!“,
gab der Fremde unbeeindruckt
zurück, während er diesen kurzen,
schwarzen Stock aus dem Gürtel zog.

Mittlerweile hatte sich eine dichte
Traube Schaulustiger um das kleine
Grüppchen versammelt.
Alle wollten sehen, mit welcher
Finesse und Grausamkeit diese
aufsässigen Neuankömmlinge
bestraft werden würden.
Der Wachsoldat trat einen Schritt vor
und ließ sein Schwert in weitem
Bogen auf den Fremden
niederfahren.
Das Ziel schien der ungeschützte
Hals seines Gegenübers zu sein. Die
Umstehenden wichen zurück, um
nicht mit Blut bespritzt zu werden.

Doch das vermeintliche Opfer blieb
nicht vor Angst gelähmt stehen,
sondern trat vor und parierte den
Hieb mit diesem Stock, den er in
einem Winkel hielt, dass das Schwert
harmlos daran abglitt.
Ein knisterndes Geräusch war zu
hören, ein kleiner blauer Blitz war
für eine halbe Sekunde zu sehen, als
das Eisen den Stock berührte und der
Wachsoldat schrie auf, ließ sein
Schwert fallen und sank auf die Knie.
Die Umstehenden erschraken heftig,
da sich seine Augen verdrehten,
sodass nur noch die weißen Augäpfel
sichtbar waren und er am ganzen
Körper zuckend zu Boden fiel.

„Musste das denn sein? Jetzt werden
sie uns lynchen!“, sagte Albèrt in
Deutsch zu seinem Begleiter, der
dieses ganze
Schlamassel angerichtet
hatte
. „Das glaube ich kaum“,
erwiderte Leon. Er reckte den vor
Funken knisternden Elektroschocker
in die Luft, woraufhin die

umstehenden Beobachter allesamt
stöhnend auf die Knie gingen und
die neuen Götter, die sich
unerkannt unter sie gemischt hatten,
um Gnade anflehten.

Emil