Schriftsteller | Autor

WEGGEFÄHRTEN VI

Wir überspringen nun knapp 4 Jahre
über welche ich bereits in den
Kapiteln „Polyamourös“;
„Adoleszenz Amplituden“;
„Liebe in den Zeiten der Choleriker“
und „Music was my first love“
berichtet habe.
Männerfreundschaften in jener Zeit
fanden beinahe ausschließlich
innerhalb der Band statt.
Der harte Break
, der mich aus meiner
beginnenden Musik-Karriere in den
sogenannten Dienst an der Waffe
schleuderte, in diese unseligen
fünfzehn Monate Wehrdienst, löste
nach und nach, mehr oder weniger
schnell diese Art von Verbindungen.

Ohne dass ich es wollte oder
wirklich
bemerkt hätte, verschwanden
diese Freundschaften spurlos aus
meinem Leben an dem sie zuvor
großen Anteil hatten.
In den allermeisten Fällen muss man
bei Freundschaften wohl von einem
temporären Phänomen ausgehen –
sobald sich die ursprünglichen, der
Freundschaft zugrundeliegenden
Voraussetzungen oder gemeinsamen
Interessen geändert haben wird es
schwierig.
Aber offen gestanden, ich
war auch nicht sonderlich motiviert
diese Verbindungen zu pflegen. Einer
der Gründe dafür, lag in der Tatsache,
dass es keinen Mangel an netten,
interessanten Leuten in meinem
Umfeld gab, die liebend gerne meine
Freunde werden wollten sodass
diesbezügliche Lücken sofort wieder
geschlossen werden konnten.

Lucky, Wolfgang und Viktor zum
Beispiel waren Leute nach meinem
Geschmack. Sie lernte ich gegen
Ende meiner Bundeswehrzeit in der
„Neuen Münze“ kennen. Sie waren
Fraktion einer noch wesentlich
größeren Community von Musikern
und Rockern. Ihnen waren drei
Leidenschaften gemein: Sie waren

Motorrad-Freaks, aktive Rockmusik
-Fans und sie hielten sich nicht gerne
an Regeln.

Die Vorgeschichte

In den 70-er Jahren mischten relativ
wenige heimische Rock-Bands den
Münchner Markt auf. Eine davon
nannte sich zuerst „Shame“ und
später „The Carts“. L, W & V hatten
zu deren Roadies gehört.
Die
Band-Familienahm es mit dem
Gesetz nicht so genau
. Sie gingen mit
mehreren Band-Bussen auf
Oberbayern-Konzert-Tournee,
vollgepackt mit Kanistern geklauten
Benzins. Sie montierten kurzerhand
tagsüber, mitten am Stachus, sauber
in Monteur-Drilliche gekleidet,
sündteure Beleuchtungskörper ab,
um sie in der „Carts“-Lightshow
einsetzen zu können. Sie klauten
Instrumente und brachen dafür in
Musikgeschäfte ebenso ein, wie in
die Übungsräume anderer Musiker.

Lachend erzählten sie gerne die
Geschichte, als sie in einen Keller-
Proberaum einstiegen über dem die
Besitzer wohnten, und der Tollpatsch
Viktor in der Dunkelheit voll ins
Schlagzeug fiel und einen Mordslärm
verursachte. Unbeeindruckt luden sie
so viel sie konnten an Musik-
Equipment ins Auto und fuhren weg.
Weil sie sich aber darüber ärgerten,
dass sie aus purem Platzmangel
einige begehrte Objekte hatten stehen
lassen müssen, luden sie schnell die
gestohlenen Instrumente zuhause aus
und fuhren noch einmal zurück zum
Tatort um den Rest abzuholen.

Wäre das nicht schon dreist genug,
nein
, es kam noch dicker. Als sie dort
ankamen war gerade die Polizei und
die Spurensicherung vor Ort.
Ihr Einbruch war bemerkt worden.
Tiefen-entspannt warteten sie bis
sich alles beruhigt hatte und sich
sowohl die Beamten, als auch die
Bestohlenen wieder entfernt hatten,
um nun in aller Ruhe die restlichen

Instrumente zu klauen und
abzutransportieren.
(Die „Carts“ lösten sich etwa 1978 auf, als
der Leadsänger unter der Beschuldigung:
„Massenhaftes in Umlauf bringen
gefälschter Dollar-Noten“ für mehrere
Jahre in den Knast gesteckt wurde
).

Lucky war der Hammer. Mit einer
geklauten 350 Kawasaki fuhr er
(natürlich ohne Helm) bei seiner
Fahrschule vor, um dort erst noch
den Führerschein dafür zu machen.
Auch sonst blieb er stets der eher
unbekümmerte Typ. Seine Eltern
waren griechische Einwanderer und
sein richtiger Name lautete
Lakis Kapoulos. Er lebte seit seinem
fünften Lebensjahr in München, war
etwa 1,72 m groß, muskulös und trug
schulterlanges Haar. Lucky fuhr für
sein Leben gern Motorrad. Er lachte,
raufte und tanzte gerne. Er nahm sich
einfach was ihm gefiel, war totaler
Musik-Fan und verehrte im
Besonderen Udo Lindenberg und
„Genesis“. Er trug ständig eine
schwarze Lederjacke, Jeans und
Cowboystiefel. Ein begnadeter
Street-Fighter der sich nichts
gefallen lassen wollte. Wer ihm
nicht sympathisch war, der konnte
ziemlich schnell Probleme mit ihm
kriegen, besonders wenn er
versuchte seine Dauerfreundin, die
blonde Anita anzubaggern.

Wolfgang Linde war der Comidian
in der Truppe. Ein begabter
Networker, der zu Jedermann
Kontakt knüpfen konnte.
Mr. Connection spielte gerne seine
Stärken aus. Er war hochintelligent,
offen, freundlich und kommunikativ
und fand einen Zugang zu fast allen
Leuten.
Er war ebenfalls so etwa 1
,70 m groß
und trug sein brünettes dickes
, wirres
Haar halblang.
Sein reiner Unterhaltungswert machte
ihn unverzichtbar, besonders in Kom-
bination mit seinem Freund Lucky.
Man stelle sich vor: Ein durchaus

talentierter Possenreißer, der alles
und ganz besonders sich selbst
permanent ins Lächerliche zieht.
Dessen Pointen, teilweise unter der
Gürtellinie, durchaus Niveau
aufweisen konnten. Er tat alles um
sein Publikum
(uns) zu unterhalten.
Beschützt und begleitet von
little Bruce Lee
(einem furchtlosen
Helden dessen Ehrenkodex - Einer für alle
nur für seine engsten Freunde gilt
).

Der Dritte im Bunde, Viktor Knaupp,
1
,85 m, stur, treudoof, hochintelligent,
Verhaltens-Legastheniker.
Verschiedener hätte ein Dritter nicht
sein können. Sein Vater war Chirurg.
Aber nicht irgendein Chirurg
sondern der letzte Spross einer
Chirurgen-Dynastie. Immer noch ein
wichtiger, reicher, einflussreicher
Mann. Einer der Vorstände im
Bayrischen Ärzte-Verband
(und ein
unheimlich arroganter Schnösel)

Mit letzterer Eigenschaft hatte er
(und sein Ego) die Erziehung seiner
beiden Söhne gründlich vermurkst.
Beide Buben liebten die Mutter
abgöttisch die tragischerweise aber
bereits früh verstarb
. Viktor war erst 16

Von da an, schmiss Viktor die Schule
hin und bestrafte Gott, seinen Vater,
aber auch sich selbst - inklusive der
ganzen Menschheit mit vorsätzlicher
Leistungsverweigerung.
Viktor war ein Egozentriker mit
einer reichlichen Menge krimineller
Energie, ein Einzelgänger, der aber
mit sich alleine nichts anzufangen
wusste und sich deshalb
notgedrungen einer Clique
anschließen musste.

Diese drei abstrakten Musketiere
wurden nach meinem Wehrdienst
, für
die Dauer von etwa fünf Jahren so
eine Art Crazy-Family für mich. Sie
waren witzig, erst mal unkompliziert,
voller Aktion und Überraschungen.
Als ich und meine 650 er Kawasaki
ihrer Motorrad-Gang beitrat
ergänzten wir uns erst mal ziemlich

gut.
Ergänzend sei hinzugefügt, dass ab
dem Zeitpunkt unseres Viererbundes
von unserer Gruppe zwar viele, mehr
oder weniger dumme Streiche – aber
keinerlei Straftaten (
wie in der Vor-
geschichte der drei Helden beschrieben)
verübt wurden.

Die Abenteuer dieser Motor-Quadriga
sind unter „Geschichten“ zu finden!

Emil