Schriftsteller | Autor

MUSIC WAS MY FIRST LOVE

Meine Mama legte großen Wert auf
meine musikalische Erziehung. Kam
sie doch aus einer diesbezüglich
hochbegabten Familie.

Ihre Mutter, die Opern-Diva hatte
während der Nazi-Zeit vom
Reichsmusikdirektor in höchst
eigener Person ein Gesangs-
Stipendium erhalten.

Der Großvater, Gründer der
Blaskapelle der Münchner Reichs-
bahn beherrschte vier Instrumente
virtuos.

Mein Onkel war jahrelang Stadt-
kapellmeister von Eggenfelden
(
Trompete, Posaune, Klavier, Orgel)
und so fort …

Dann gab es die andere genetische
Seite meiner Ahnen. Buchdrucker
Redakteure und Verleger. Das Ertl-
Zeitungs-Imperium bündelte und
umfasste sämtliche Anzeiger und
Tages-Zeitungen der Regionen
Trostberg und Eggenfelden.

Und wieder einige meiner Stamm-
väter taten sich besonders als
Beherrscher der Bar- und
Kneipengeographie hervor.

Aber allesamt waren sie Künstler.

Mutter hatte mir - schon seit ich
denken
kann, andauernd vorgesungen.
Ich liebte das. Kaum von den
Windeln befreit wurde ich in ihre
Angewohnheit, dauernd vor sich hin
zu
trällern (wie Disney´s Schneewittchen)
mit eingebunden. Ob Kinderlieder,
Volksmusik oder moderne Schlager,
kaum lief es im Radio wurde es von
uns beiden in Prä-Karaoke-Manier
übersungen.

Mein erster Bühnenerfolg mit knapp
5 Jahren - Erster Platz im Kinder-
Sing-Wettbewerb beim Hacker-Bräu
Faschingsball. Ich sang den

„Tom Dooley“ im Originalkostüm.

Bereits im Alter von acht Jahren
durfte ich mit meiner schönen
Knabenstimme den Kinderchor des
Bayerischen Rundfunkorchesters
bereichern. Jeden Sonntag morgen
brachte mich meine stolze Mama
ins Rundfunkstudio. Dort verbrachte
ich dann 2-3 Stunden mit Proben und
Einsingen
, was nach einigen Monaten
keinen rechten Spaß mehr machte.
Diesem
Widerwillen wurde Rechnung
getragen, denn auch meiner Mutter
wurden diese vergeudeten Sonntag-
Vormittage zu blöd. Und die Gage
von 15,-
DM pro Aufnahmetag war
nicht so prickelnd.

Doch mein Schicksal schien
vorgezeichnet – auf Notenpapier -
wie mir scheint. Etwa ein halbes Jahr
später befand
(irgend-) eine Tante, die
uns gerade mit ihrem Besuch beehrte,
dass ich nicht nur eine schöne
Stimme besäße, sondern sogar
außergewöhnlich musikalisch wäre.
Meine Finger, behauptete sie, wären
geradezu ideal fürs Klavierspiel
geeignet.
Prompt wurde uns deren Klavier, ein
wertvolles Familienerbstück, für das
sie keine weitere Verwendung mehr
hatte, ins Haus geliefert. Um das
schwarze Biedermeier-Monster in
den dritten Stock zu wuchten, waren
drei starke Männer mit Tragegurten
nötig. Zu allem Überfluss mussten
extra die kompletten Treppengeländer
abmontiert und anschließend wieder
drangebaut werden.

(Das Klavier und ich … Es war eine Liebe
erst auf dem dritten Blick aber sie hielt ein
ganzes Klavierleben lang an
)

Nun, diesen Aufwand hatte ich zu
rechtfertigen. Von da an musste ich
täglich
mindestens eine Stunde
Klavier üben. Tonleitern,
Fingerübungen und Notenlesen
extra noch oben drauf.

Machte es mir anfangs Spaß
(
als eine nette Klavierlehrerin ins Haus kam)
so wurde es später, als ich zu dem
ungeliebten Herrn Tremel ins
Hohner Klavierstudio gehen musste,
eher zur Belastung. Dieser Tremel
war mir ein Graus. Er besaß den
Händedruck eines Tafelschwamms
und das Temperament einer
Weinbergschnecke. Darüber hinaus
lebte er offenbar in professioneller
Manier den Hang zu pädagogischem
Sadismus an mir aus. Er quälte mich
mit
dem Metronom und musischer
Korinthenkackerei. „Wo bleibt die
Betonung?“ Tick.. tack.. tick.. tack..
Legato, allegro, piano, forte;
„Ich will die Dynamik hören!“
Tick.. tack.. Dauernder Wechsel
von Violin- und Bassschlüssel; mit
den Armen überkreuzt spielen; ect...
ect... In seiner ausdruckslosen,
unbeteiligten Miene konnte man
weder Lob noch Tadel nach
erbrachten Leistungen erkennen.
Man stelle sich Professor Snape
als Klavierlehrer vor - Bingo!

Ich konnte mein Unbehagen ihm
gegenüber damals nicht wirklich
einordnen, aber heute weiß ich;
er war ein gescheiterter Musiker;
reduziert auf Tätigkeiten fern
seiner ursprünglichen Ambitionen;
emotionsarm aber in seinen
Forderungen obsessiv. In seiner Welt
gab es keine Hingabe an die Musik –
nur Arbeit und auf Notenpapier
gedruckte Vorschriften.

Aber mir attestierten alle großes
Talent und beklatschten meine
Erfolge und so zog ich es halt durch.
Fragten meine Freunde: „Gehst du
heut nach der Schule mit zum Fußball
spielen?“ - „Ich fahr heut mit meinen
Eltern Schwimmen, willst du mit?“
„Kommst du heut Nachmittag zu mir,
ich hab nen neuen Lego-Baukasten?“
War die Antwort meistens
: „Nein, ich
muss erst Hausaufgaben machen und
dann Klavier üben!“
Ja, aus Spaß wurde Ernst.
Eine Weile kam in der Schule noch

Klarinettenunterricht hinzu.
Resümee: Ich habe es geliebt und
gehaßt. Verflucht und gefeiert. Aber
es hat sich gelohnt. Es hat mich
verändert. Hat mein Leben um
mindestens eine Dimension
bereichert. Von den Synergie-
-Effekten an anderer Stelle.

Während Naturgesetze durch die
Mathematik begreiflich und
berechenbar werden, ordnen und
strukturieren sich Denkvorgänge
in unserem Inneren in Melodie-
ähnlicher Weise. Ein ganzes
Orchester an Stimmen ist ständig
in uns. Die Musik ist in uns.

An dieser Stelle möchte ich einen
meiner Lieblingsautoren zitieren
Mr. Douglas Adams aus seinem 1987
erschienenen Buch: “Dirk Gently´s
Holistic Detectiv Agency“ Ich habe
mir erlaubt, die entsprechenden
Passagen etwas zu straffen.

Formen, die wir für zufällig halten, sind in
Wirklichkeit das Ergebnis komplizierter, sich
verändernder Zahlenstrukturen, die
einfachen Regeln gehorchen. Sie können
alle durch Zahlen wiedergegeben werden.
Wir wissen jedoch, dass der menschliche
Geist imstande ist, diese Dinge in all ihrer
Komplexität und Einfachheit zu verstehen.
Ein Ball, der durch die Luft fliegt, reagiert
auf die Kraft des Werfers und die Richtung,
in die er geworfen wurde, auf die
Schwerkraft, auf die Reibung der Luft,
gegen deren Überwindung er seine
Energie einsetzen muss, auf die
Luftturbulenzen um seine Oberfläche und
auf die Schnelligkeit und Richtung seines
Dralls. Und doch könnte jemand, dem der
Versuch schwerfiele, bewusst auszurechnen,
wieviel 3x4x5 ist, keine Schwierigkeiten
haben, Differenzalrechnungen und einen
ganzen Wust verwandter Berechnungen
in einer so großen Geschwindigkeit
durchzuführen, dass er tatsächlich den
Ball im Flug fangen kann. Leute, die das
„instinktiv“ nennen, geben dem
Phänomen nur einen Namen,
sie erklären nichts.
Am nächsten kommt der Mensch dem
Verständnis dieser natürlichen
Komplexitäten in der Musik. Sie ist die
abstrakteste der Künste – sie hat keine

Bedeutung und keine Absicht, als die,
sie selbst zu sein.
Die Musik jedes Kompliziertheitsgrades
übersteigt das Bewusstsein und wirft sich
dem Mathematik-Genie in die Arme, das
insgeheim im Unterbewusstsein jedes
Menschen wohnt und auf alle inneren
Komplexitäten, Beziehungen und
Harmonien eingeht, von denen wir meinen,
wir wüssten nichts von ihnen.
Einige Leute wehren sich gegen ein solches
Bild von der Musik und sagen, wenn man
die Musik auf Mathematik reduziere, wo
bleibt dann ihr Gefühl und ihre Schönheit.
Aber weder das Eine noch das Andere ist
je ohne Gefühl und Schönheit gewesen.
Die Darstellung in Zahlen ist keine
Herabsetzung, das ist Schönheit.
Fragen sie Newton.
Fragen sie Einstein.
Das ist der Kern der Beziehung zwischen
einerseits unserem „instinktiven“
Verständnis von Gestalt, Form Bewegung
und Licht – und andererseits unseren
Gefühlsreaktionen darauf. Und das ist der
Grund, warum ich glaube, dass der Natur,
natürlichen Dingen und Strukturen eine
Form von Musik innewohnen muss.

Ist das nicht bizarre Poesie ?

Damals....
in der Blühte meiner Jugend....als ich
noch meiner verheißungsvollen,
musikalischen Zukunft huldigte –
und einzig das weite, zunehmend
faszinierende Feld weiblicher Reize
damit konkurrieren konnte,
schlichen manchmal absonderliche
Sichtweisen und Hirngespinste
in meinem Kopf herum.

Ich verglich Gemüt, Ausstrahlung
und die sexuelle Offenheit der
Mädchen aus meinem Umfeld mit
den weißen und schwarzen Tasten
meines Klaviers.

Die, welche hochfliegende,
ungetrübt herzliche und
unverklemmte Gefühle aufkommen
ließen – waren die weißen Tasten -
die Dur-Akkorde eines schönen,
unkomplizierten, aber meist nur
kurzen amourösen Intermezzos.
Während die schwierigen,
komplizierten, arroganten oder -

unartigen Mädchen der schwarzen
Tasten – die interessantere Variation
mit den melancholischen
Moll-Schattierungen darstellten.

Phantasien aus in meiner
poly-amourösen Phase.

Emil