Schriftsteller | Autor

WEGGEFÄHRTEN IV

Durchgefallen –
Schulwechsel –
Neues Spiel – Neues Glück.

Er wirkte unheimlich cool als er etwa
fünf Wochen nach Schulbeginn noch
in unsere Klasse wechselte.
Großgewachsen, schlank, die langen,
hellblonden lockigen Haare
umrahmten sein braungebranntes,
sympathisches Gesicht mit den
grau-grünen Augen. Auch so einer,
der die Bildungsanstalt wechseln
musste - und sich erst in letzter
Minute überhaupt herabließ sich
dafür zu interessieren welche Schule
ihn denn aufnehmen würde.
Sein Name: Harald Kühnel.

Er hatte uns noch gefehlt, er brachte
die Dinge ins rollen.
Er war der d´Artagnand bei uns,
den drei Musketieren der 9
b. Dazu
gehörten außer meiner Wenigkeit
noch der Dichtl Robbie und der
Forstner Michael.

Wir hatten uns bereits in den ersten
Schulwochen zusammengerottet weil
wir anders tickten, weil wir Verehrer
von Rockmusik und Anhänger dieser
neuen
Lebensphilosophie der Hippies
sein wollten
. Wir frönten unserer
Subkultur und trugen ausgefranste
Jeans, lässige T-Shirts und langes
Haar während der Rest der Klasse
eher bieder und angepasst wirkte.

Die 68er Studentenrevolte lag nur
wenige Jahre zurück. Woodstock war
im August 69 ein bahnbrechendes
Ereignis gewesen. Rocklegende Jimi
Hendriks starb Ende 1970. Er - und
Che Guevara -
auch tot, allgegen-
wärtig
, prangten sie auf T-Shirts und
Postern. Das waren die Helden, die
Ideale denen wir nacheiferten.

„Only the good die young!“

Man fiel noch auf, wenn man lange
Haare trug und man erkannte sich

gegenseitig daran. Das war der Punkt.
Dieses überaus starke Lebensgefühl,
dieser Hunger nach Zusammen-
gehörigkeit, Freiheit, und Jugend,
die Ablehnung des Establishments.
Peace & Love. Stoppt Krieg, stoppt
Unterdrückung und Ungerechtigkeit!
Mariuana, Freie Liebe, Toleranz,
Musik, Gleichberechtigung und
Kommunismus.
(Wie bitte??)
(Unklar, was politisch so unbeleckte Typen
wie ich und meine Freunde darunter
verstanden. Wohl irgendeine idealisierte
Form davon. Gleichheit vielleicht. Aber
keinesfalls den realen, russisch-chinesisch
praktizierten Kommunismus
).

Revolution nannten es manche. Eine
Revolution des freien Denkens.
Einhergehend mit gesteigertem
Selbstbewusstsein der Frauen und
einer Welle femininer Emanzipation.

Flower-Power!! Grelle Farben statt
Beige und gedecktes Grau. Blumen,
Fransen und bunte Tücher statt
Krawatten. Promiskuität! Scheiß auf
eure kleinbürgerlichen, spießigen
Konventionen. Wolkengemälde und
bunte Farben schmückten jetzt so
manche Hausfassade die eben noch
bieder & trist gewesen war.

Die Defragmentierung, die
Auflehnung gegen alles
Überkommene erfasste sämtliche
Bereiche und verursachte einen
durchgreifenden gesellschaftlichen
Wandel binnen weniger Jahre.
Wir
schwemmten den Kriegsschuld-
zerfressenen,
bleigrauen, frustrierten,
bürgerlichen, nach oben buckelnden,
deutschen Nachkriegs-Michl einfach
weg.

Die Fahne mit dem Peace-Zeichen
wehte über diesem waffenlosen
Schlachtfeld. Sie flatterte im Wind
der Begeisterung.

Dieser stille Bürgerkrieg der
Generationen ebbte ab. Und heute
kann sogar ich, der Teil davon war
und sie hautnah miterleben durfte,
das alles kaum noch
nachvollziehen
bzw. in mir wachrufen.
Am ehesten flackert dieses Feeling
noch kurz auf, wenn ich das Kult-Musical
„Hair“ ansehe.
Wenn ich Pajuli rieche oder die
Musik von Cat Stevens höre.

Für mich, ganz subjektiv, hieß die Parole
auch – raus aus dem Mief dieses Dackel-
verschissenen Westend-Altstadt-Millieus
mit den grauen, freudlosen Fassaden und
Zeitgenossen. Weg mit den
gesellschaftlichen Zwängen und der
vorsätzlichen Mittelmäßigkeit -.

D
ie Autorin Eva Demski beleuchtet in
ihrem Roman „Afra“ diese Zeit des
deutschen Umbruchs aus der Sicht der
bürgerlich, reaktionären Seite wie folgt:

Es waren widerliche Zeiten, selbst in
diesem Land, dem letzten in dem Gott
noch wohnte – man wusste nicht mehr,
wer etwas gilt und wer nicht.
Das verlausteste und rassisch unsauberste
Volk wurde in den Himmel gehoben,
Kriminelle und Huren saßen in der Oper
und wurden vom Ministerpräsidenten
begrüßt, Prinzen speisten mit Negern, das
Geld floß in die finstersten Kanäle, schöne
und wohltuende Musik wurde verspottet,
dafür kamen Stücke auf die Bühne in denen
kaum noch etwas gesprochen – dafür um
so mehr öffentlich getrieben wurde.
Die Kirche schien ohnmächtig. Was nützten
auch die Bannflüche von der Kirchenkanzel
runter, wenn keiner da war um zuzuhören?

Harald war für mich der Scout dieser
Aufbruchstimmung. Er war uns
Dreien bereits mehrere Schritte
voraus. Er bewohnte ein grandioses
Riesenzimmer mit einer krassen
Musikanlage
(seine Eltern mussten echt
Schotter haben).
Ein bombastisches
„Jimi-Hendriks“-Poster beherrschte
diesen Raum, Flokati-Teppiche lagen
über Boden und Sitzmöbel verteilt.
Und er besaß bereits Erfahrung
mit Drogen.
(meine Eltern hatten
darüber folgende Bewertung an mich
weitergegeben: Du ziehst einmal an so
einer Haschpfeife und bist für immer
süchtig!)

Er zeigte uns wo man die
abgefucktesten Army-Parker kaufen

konnte. Er nahm uns mit nach
Schwabing und dort war er bekannt,
wie ein bunter Hund. Leopoldstraße
rauf- und runter, überall kannte
er Leute, bekam Pizza-ecken
geschenkt, oder rauchte eine mit
dem Jungen am Crepe-Stand.
Er warnte uns vor den „Anreißern“
der
Scientology-Sekte setzte sich
aber aufs Straßenpflaster inmitten
eines Kreises von kahlrasierten, in
orangen Tuniken gekleideten Leuten
um mit ihnen „Hare Crishna“ zu
singen.

Er besaß Charisma ohne Ende – und
endete doch viele Jahre später seines
Charismas beraubt im Drogensumpf.

Doch
zu jener Zeit war er unser Jesus
und wir folgten ihm. Oft machten wir
uns auf, um mit Gitarre und Bongos
am Monopteros zu musizieren und
Leute zu treffen.

Mit ihm und den anderen beiden
betrat ich zum ersten und
einzigen mal die Münze-Teestube
beseelt von dem klaren Vorsatz
„Shit“
(Haschisch) käuflich zu
erwerben.
Toll, illegales Neuland, Abenteuer,
schon beim Betreten des Altbaus in
der Münzstrasse, Nähe Hofbräuhaus
schlug uns ein ungewohnter Geruch
entgegen.
Bereits im 1.Stock saßen Leute -
(bürgerliche Bezeichnung – Gammler)
auf den hölzernen Treppenstufen.
Einzeln, oder kleine Gruppen um die
man herumgehen musste. Manche
von ihnen mehr -, andere weniger
abwesend.
Dann im zweiten Stock die Teestube.
Ein großer heller, offener Raum. Die
Fenster mit durchsichtiger Gazee
verhängt. Holztische und Stühle,
großer Tresen. Alles war auf indisch
getrimmt. Die Musik, der Geruch von
Räucherstäbchen und das
(für mich)
total exotische Teeangebot.
(z.B. Darjeeling, was ist das denn bitte?)
Bauchlastige Buddha-Statuen saßen
in jeder Ecke und das versammelte
Völkchen war schon sehr speziell.

Harald meinte sein „Dealer“ wäre
dummerweise noch nicht da, aber
er ging mal rum und fragte den Einen
oder Anderen ob er denn was dabei
hätte. Nö!

Unverrichteter Dinge zogen wir eine
halbe Stunde und vier Schälchen
Darjeeling später wieder von dannen.
„Rhavi Shankar`s“ Sitar Musik im
Rücken. Beim treppab gehen fragte
ich einen der dort herumlungernden
abgefuckten Typen ob er denn „Shit“
verkaufen würde und er verkaufte.
„Bingo“ es funktionierte.

Harald prüfte die Masse in Größe
eines halben Schokoriegels, roch
intensiv daran, fand das Ergebnis
offenbar positiv, denn er zückte
seine Börse und entrichtete den
geforderten Betrag. Er unterwies
uns nun im Bau eines „Joints“
und wir, seine Adepten brachten
eine „Mordstüte“ zustande,
zündeten sie an und ließen sie
herumgehen. Er zeigte uns wie man
inhaliert, den Rauch in der Lunge
hält und ausatmet und so weiter...

Es war nicht prickelnd. Das ganze
drumherum war spannender als
der erste Konsum. Mir wurde zwar
nicht schlecht, wie so manchen
anderen, aber die Erwartungen
(Gefühle, Halluzinationen,
Rauschzustände, usw...
) wurden nicht
erfüllt. Vielleicht wirkt es bei mir
nicht? dachte ich. Trotzdem, dieses
Erlebnis war ein starkes Band.
Dieses verbotene, gefährliche
Geheimnis das wir jetzt miteinander
teilten. Etwas Besonderes. Wie eine
Blutsbrüderschaft band es uns vier
aneinander.

Ich war gerade erst 15 geworden und
sowas von cool. Ich hatte mich
getraut die Warnungen meiner Eltern
in den Wind zu schlagen,
Gesetze zu brechen und der Vorsehung
ins Auge zu spucken.


Emil