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Betty`s Beziehungs - Paradoxon

Teil I - Verschmelzung

Auch in einem Leben gibt es
Gezeiten. Die Flut, in der wir von
Ereignissen beinahe weggespült
werden und die Ebbe, in der wir
mehr
oder weniger damit auskommen
müssen, was uns von der letzten Flut
noch übriggeblieben ist. In Zeiten der
Flut lernte ich im “Magic“ (
meiner
derzeitig präferierten Disco
) die
aufregend schöne Betty kennen.

Es geschah in einer Samstag-Nacht.
Wie üblich landeten wir nach dem
Discobesuch wieder bei mir zuhause.
Betty war zum ersten mal mit dabei,
ich konnte mich später nicht erinnern
sie überhaupt eingeladen zu haben.
Vielleicht war es einer der Anderen
gewesen? Im Gespräch kamen wir
uns näher und schließlich waren wir
uns einig, dass die Nacht uns allein
gehören sollte. Als die Freunde
(endlich) gegangen waren liebten
wir uns. Irgend etwas geschah
mit mir in dieser Nacht.
Unspektakulär aber Nachhaltig.

Es war doch wie sonst gewesen,
Routine-
(Pardon für den folgenden Chauvi-Text,
aber ich fürchte, er spiegelt meine damals
recht unreife Betrachtungsweise wieder
) -
Flirten
, angraben, flachlegen und auch
sonst
gab es nichts außergewöhnliches
über diese Nacht zu berichten, und
trotzdem erwischte ich mich am
nächsten Morgen dabei, romantische
Gefühle zu verspüren, allein beim
Anblick ihres bloßen Rückens.
Verrückt! Sie schlief noch, die Sonne
fiel durchs Fenster auf ihre Haut und
brachte die kleinen Härchen an ihrem
Nacken dazu golden zu schimmern
und
das fand ich plötzlich so was von
entzückend und anziehend.
Verrückt oder?

Es war Sonntag morgen und ich
musste zum Band-Übungsraum. Ich
weckte sie auf, um ihr zu sagen, dass
ich weg muss. Ich wollte ihr sagen,

dass sie ruhig noch liegenbleiben kann.
Dass sie sich später gerne in der Küche

einen Kaffee kochen kann und
und bei ihrem Rausgehen nur
die Türe ins Schloss ziehen muss.
Ihr sagen , dass diese Nacht einen
ganz besonderen Zauber gehabt hätte
und dass wir uns demnächst sowieso
im „Magic“ wieder über den Weg
laufen würden. - Routine eben!

- Aber warum hörte ich mich gerade
fragen, ob sie nicht Lust hätte
mitzukommen ? ? ? Sie hatte Lust -
und ich schleppte sie mit.

Brrrr ! Frauen im Übungsraum,
kontraproduktiv, Mega unbeliebt bei
den anderen Musikern.
Die Konstellation am Start unserer
Beziehung war denkbar mies:
1. Die Band & die Clique hassten
Betty vom ersten Tag an.
2. Ich fühlte mich überraschend stark
zu ihr hingezogen und sah es
geradezu als sportliche Heraus-
forderung alle Widerstände
einzuebnen.
3. Betty waren die Gefühle aller
Beteiligten egal... Sie wollte:
Ihre Freiheit behalten und sich
nicht dem Risiko aussetzen,
enttäuscht zu werden.
4. Hatte ich keine Ahnung, was
eine Bindungsstörung ist.

Aber je mehr Mobbing ich von
meinen Freunden hinnehmen
musste -
(die mich beinahe alle davon überzeugen
wollten, dass Betty nix für mich ist
) -
- um so stärker bezog ich Position
bei ihr, und je mehr ich mich mit
meinen besten Freunden anlegte,
um so mehr zeigte sie nun doch
Interesse sich voll und ganz auf mich
einzulassen. Es brachte ihr Herz zum
Schmelzen, dass ich bereit war um
sie zu kämpfen. -
(„so etwas hat noch
nie jemand für mich getan!“
)

Zwischen Betty & mir entwickelte
sich nun eine sehr enge, knapp zwei Jahre
andauernde monogame Verbindung.
„Wenn Du mich zähmst,
werden wir einander brauchen!“
Dieser Satz aus dem Werk von
Antoine de Saint-Exupéry trifft das
Credo dieser Beziehung am ehesten.

Elisabeth Greiffenburger, sie kam
aus einem sogenannten „zerrütteten
Elternhaus“ und hatte zuletzt bei der
Mutter, in einer kleinen ebenerdigen
Mietwohnung in Obergiesing
gewohnt. Ich bin ihrer Mutter bei
nur einer Handvoll Gelegenheiten
begegnet. Sie war eine verlebt
aussehende Endvierzigerin
, schlank,
mit kurzgeschnittenem dunklen Haar.
Sie wirkte immer etwas abwesend
und zerstreut. Ihr krankhaftes,
zeitraubendes, hirntötendes Hobby
war es – intensiv an Gott zu glauben.
Sie verbrachte ihre Freizeit in
Kirchen und an Wallfahrtsorten. Sie
hatte mehrere handgeschnitzte, fast
original große Heiligen-Skulpturen
in ihrem Wohnzimmer und mich
beschlich immerzu das Gefühl, dass
sie nur noch physisch in unserem
„finsteren Tal wandelte“, während
der Rest bereits abberufen war.

Der Vater, hatte das wohl ebenfalls
bemerkt und sich schon etwa 7 Jahre
zuvor
(ohne Scheidung) aus dem Staub
gemacht.
Auch ihn, „den grauen Don Juan“,
durfte ich persönlich kennenlernen.
Seine durchaus interessante
Biographie wurde mir von seiner
Tochter folgendermaßen geschildert:

Freiherr
Friedrich, Albert von Greiffenburg
geboren 1921 als 3.Sohn einer
(im finanziellen Abstieg befindlichen)
Adelsfamilie, traditionell erzogen,
genoss er als Kind Privilegien wie:
Einen Privatlehrer der ins Schloss
kam, Reit- und Klavierunterricht,
umfangreiche Dienerschaft, ein
Pferd und eine eigene Gouvernante.

Als Jugendlicher erlernte er die Position
des
„Grand Chef de Cuisine“.
Er erhielt seine Hauptausbildung im
Hotel „Vier Jahreszeiten“ in
München. Er absolvierte mehrere
Praktika
in namhaften Hotels in Wien,
in Genf und Berlin. Patisserie in
Paris. Seine
umfassende Ausbildung
dauerte mehr als 5 Jahre und hatte
zum Ziel, dem kulinarisch
erstrangigen Münchner Hotel-
Restaurant als Küchenchef
vorzustehen.

Doch soweit kam´s nicht. Kaum
fertig
ausgebildet, wurde er zu Hitlers
SS Truppen berufen, seiner adeligen
Abstammung entsprechend natürlich
als Offizier.

Seine neue Karriere betrieb er nicht
weniger zielstrebig und konnte sich,
seinem Naturell entsprechend, selbst
in Kreisen menschenverachtender
Faschisten noch hervortun. Seinen
Adelstitel
legte er ab, denn der Führer
hegte aufgrund seiner eigenen
Erfahrungen als Gefreiter im Ersten
Weltkrieg eine tiefverwurzelte
Aversion gegen den militärischen
Adel. Um in der Hierarchie der
Unmenschen nach oben zu kommen
wurde aus dem Freiherrn
von Greiffenburg“ –
der Herr Greiffenburger.

Bei Kriegsende kam Panik auf in
den Reihen führender Mitglieder der
Waffen-SS. Entdeckten die Soldaten
der Alliierten eine SS-Tätowierung
gab es kein Pardon und man musste
mit einer Exekution an Ort und Stelle
rechnen. Einer seiner Kameraden
schoss ihm
(auf seine Bitte hin) in den
rechten Oberarm. Das SS-Symbol
in eine Schussverletzung zu
verwandeln war das Ziel. Es sollte
nur ein Streifschuss werden aber
die Kugel erwischte den Knochen
und zerschmetterte ihn, der Arm
blieb steif, darum konnte der Ex-
Freiherr nicht mehr in den erlernten
Beruf zurückkehren und schon gar
nicht seine anvisierte Position im Hotel
„Vier Jahreszeiten“ einnehmen.

Zunächst
von einer Erbschaft zehrend,
die leider wesentlich bescheidener
ausfiel als er erwartet hatte, eröffnete
er (ca. 1959) eine Gaststätte Nähe
Gärtnerplatz, gründete eine Familie
und brachte es zu bescheidenem
Wohlstand. Elisabeth blieb ein
Einzelkind. Unikat aus einer kurzen,
bald schwierig werdender Ehephase.
Die beschauliche Ruhe hielt er nicht
lange aus. Er setzte den Laden in den
Sand
, zerstritt sich mit seiner Ehefrau,
missbrauchte seine Tochter,
übernahm ein anderes Restaurant,
hatte andauernd Affairen, trennte
sich von seiner Frau und setzte sich
schließlich mit dem Gewinn aus
dem Verkauf des dritten Restaurants,
seinem beeindruckend arroganten
Auftreten und ohne ein schlechtes
Gewissen zu verspüren in diverse
Kurkliniken ab. In denen er fortan
als professioneller Kurschatten –
Galan vermögender älterer Damen
(oder Leichenfledderer mit Stil) - ein
leichteres Auskommen fand.

Zurück ließ er nichts als „verbrannte
Erde“ - eine „zerrüttete Ehefrau“
deren Selbstwertgefühl gen Null
tendierte und eine orientierungslose
11-jährigeTochter, deren normale
Sexualität gestört war, die Bindungs-
und Existenzängste ausstehen musste
und sich paradoxerweise die Schuld
für den Verrat des Vaters gab. Doch
von
all dem wusste ich erst mal nichts.

Innerhalb von wenigen Wochen löste
Betty sich komplett von ihrer Mutter
und zog bei mir ein, um mit mir eine
sogenannte eheähnliche
Gemeinschaft zu bilden.

Sie war in mehr als einer Hinsicht
außergewöhnlich. Als ich sie
kennenlernte, absolvierte sie
(als Eine,
von bayernweit nur 3 weiblichen Azubi´s
)
das dritte Lehrjahr als Maschinen-
schlosserin bei Krauss-Maffei.
Nach erfolgreicher Prüfung besuchte
sie die BAS und holt das Abitur nach
und studierte anschließend- eins der
schwierigsten Studienfächer
überhaupt – Maschinenbau.

Ihr Aussehen stand ihrer Intelligenz
in nichts nach.
Sie kam zu mir als streunendes
Giesinger Milieu-Kätzchen und
schritt zwei Jahre später als Model
über den Laufsteg.
(Ich kann mich damit brüsten, meinen
Teil zu dieser Entwicklung beigetragen zu
haben. Ich gab ihr Sicherheit, habe sie
ermuntert, geliebt, motiviert, ernährt
und an sie geglaubt
)

Auch in sexueller Hinsicht war sie
der „Mercedes“ unter den bis dato
gekannten Kleinwagen. Sie erwies
sich nicht nur als sinnlich, gefühlvoll
und erfahren, sondern wies überdies
einen, mir bis dahin bei Frauen noch
unbekannten sexuellen Appetit auf.
(
der vermutlich pathologisch – aus dem
Missbrauch durch ihren Vater resultierte
- was ich aber damals noch nicht wusste
)
Der es aber nie langweilig werden
ließ, es mir aber massiv erschwerte
-
zuhause meine gewohnte Ration
Bücher zu konsumieren.

Lange, lange Zeit (fast zwei Jahre lang)
waren wir unzertrennlich.

Emil